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Menschen vertrauen keiner perfekten Führungskraft. Sie vertrauen einer berechenbaren.

bkiffner
21. Juli
3 Min. Lesezeit

Vertrauen ist ein großes Wort. Fast jede Führungskraft sagt irgendwann einmal, dass Vertrauen im Team wichtig ist. Dem würde wahrscheinlich niemand widersprechen. Die spannendere Frage ist für mich aber eine ganz andere: Warum vertrauen manche Teams ihrer Führungskraft und andere nicht, obwohl der Chef eigentlich nett ist? Ich glaube, Vertrauen entsteht oft nicht durch Freundlichkeit. Es entsteht auch nicht dadurch, dass man ständig gute Laune hat oder besonders locker ist. Vertrauen entsteht meiner Erfahrung nach dann, wenn Menschen wissen, woran sie bei dir sind.

Und genau das habe ich früher oft anders erlebt. Es gab Tage, da kam ich in die Küche und mein Chef oder mein Sous Chef war gut gelaunt. Wir haben zusammen einen Kaffee getrunken, gelacht und über Abläufe gesprochen. Man fragte mich nach meiner Meinung, ließ mich Entscheidungen treffen und schenkte mir Vertrauen. Ich durfte kreativ sein und eigene Ideen ausprobieren. Am nächsten Tag war alles anders. Kein Guten Morgen. Ein starrer Blick. Dumme Sprüche. Plötzlich wurde jede Kleinigkeit kontrolliert. Aus „Mach ruhig“ wurde: „Warum machst du das so?“ Aus Vertrauen wurde Kontrolle. Aus Freiraum wurde Misstrauen. Irgendwann stellte ich mir innerlich nur noch eine einzige Frage: Welcher Mensch begegnet mir heute?


Heute, mit etwas Abstand, glaube ich gar nicht mehr, dass mein Sous Chef mir bewusst Steine in den Weg legen wollte. Vielleicht hatte er selbst Ängste. Vielleicht fühlte er sich bedroht. Vielleicht wollte er einfach die Kontrolle behalten. Ich weiß es bis heute nicht. Was ich aber weiß, ist etwas anderes:

Für mich fühlte es sich unberechenbar an. Ich erinnere mich an eine Situation, die mir bis heute im Kopf geblieben ist. Wenn bestimmte Kollegen nicht da waren, war er plötzlich ein anderer Mensch. Er fragte nach meiner Meinung, interessierte sich für meine Ideen und wollte wissen, wie ich bestimmte Abläufe verbessern würde. Sobald diese Kollegen wieder da waren, änderte sich alles. Meine Vorschläge waren plötzlich nichts mehr wert. Teilweise wurden sie später sogar als seine eigenen Ideen verkauft. Kritik wurde schärfer. Die Distanz größer. Das Verrückte daran war gar nicht die Kritik. Das Verrückte war, dass ich nie wusste, welcher Mensch mir heute gegenübersteht. Genau da beginnt für mich die eigentliche Dynamik. Mitarbeitende beobachten ihre Führungskräfte viel genauer, als viele glauben. Nicht aus Misstrauen, sondern weil sie Orientierung suchen. Sie beobachten, wie du auf Fehler reagierst. Wie du unter Stress mit Menschen sprichst. Ob für alle dieselben Regeln gelten. Und sie beobachten, ob sie heute Kollege sind oder Punchingball. Je unberechenbarer eine Führungskraft ist, desto mehr Energie investieren Mitarbeitende nicht mehr in ihre Arbeit, sondern in etwas ganz anderes. Sie versuchen herauszufinden, in welcher Stimmung ihr Gegenüber heute ist. Kann ich heute etwas ansprechen? Sollte ich lieber warten? Ist heute ein guter Tag für eine Idee? Oder halte ich lieber den Mund? Menschen vertrauen dort, wo sie ihre Energie nicht dafür brauchen, ständig die Stimmung ihres Gegenübers zu lesen.


Eine zweite Situation hat mir das damals noch deutlicher gezeigt. Während meiner Meisterschule arbeitete ich parallel weiter. Mein Küchenchef, der selbst seinen Meister gemacht hatte, gab mir an den Wochenenden meistens Frühschichten. Er wusste, wie belastend diese Zeit war. Mein Sous Chef sah das anders. Obwohl ich ihn gebeten hatte, mir am Tag vor meiner praktischen Meisterprüfung frei zu geben oder wenigstens früher gehen zu dürfen, ließ er mich bis Mitternacht arbeiten. Obwohl an diesem Abend kaum noch etwas los war. Er blieb selbst ungewöhnlich lange im Betrieb und kontrollierte jede Kleinigkeit. Damals fühlte sich das für mich an, als wolle er verhindern, dass ich erfolgreich bin. Heute weiß ich nicht, ob das wirklich seine Absicht war. Vielleicht hatte er andere Gründe. Vielleicht spielte seine eigene Geschichte eine Rolle. Vielleicht war es etwas ganz anderes. Das spielt heute eigentlich keine Rolle mehr. Entscheidend war nicht seine Absicht. Entscheidend war, wie sich sein Verhalten bei mir angefühlt hat. Und dieses Gefühl war: Unberechenbarkeit.


Genau deshalb glaube ich heute, dass viele Führungskräfte Vertrauen mit Sympathie verwechseln. Sie glauben, ein lockerer Spruch, ein gemeinsamer Kaffee oder gute Stimmung würden automatisch Vertrauen schaffen. Ich sehe das heute anders. Vertrauen entsteht nicht durch gute Tage. Vertrauen entsteht durch Verlässlichkeit. Durch Fairness. Durch Berechenbarkeit. Dadurch, dass Menschen wissen, woran sie bei dir sind, auch dann, wenn der Druck groß wird.

Genau an diesem Punkt wird Coaching spannend. In meinen Coachings sprechen wir erstaunlich selten darüber, wie Führungskräfte netter werden können. Wir sprechen darüber, wie sie berechenbarer werden. Denn gute Führung bedeutet nicht, jeden Tag gleich gut gelaunt zu sein. Sie bedeutet, dass dein Team nicht jeden Morgen neu überlegen muss, welcher Mensch ihm heute begegnet.

Menschen vertrauen keiner perfekten Führungskraft. Sie vertrauen einer Führungskraft, bei der sie wissen, woran sie sind.


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