Warum Mitarbeitende keine Probleme ansprechen – obwohl sie welche haben
„Wenn etwas nicht passt, dann soll der Mitarbeiter es halt sagen.“
So oder so ähnlich ist ein Gedanke, den viele Führungskräfte haben. Klingt absolut logisch. Passiert aber erstaunlich selten. Die meisten Mitarbeitenden sprechen Probleme nämlich nicht an, wenn sie entstehen. Sie beobachten eher. Sie ärgern sich. Sie diskutieren mit Kollegen oder versuchen, die Sache selbst zu lösen. Irgendwann wundert man sich als Führungskraft, warum ein Problem plötzlich so groß geworden ist.
Auch dieser berühmte Satz taucht dann gerne auf: „Meine Tür steht immer offen.“ Die spannende Frage ist nur: Geht auch jemand durch diese Tür?
Ich glaube, die typischen Gastro-Probleme wie hoher Druck, wenig Zeit, direkte Sprache oder flache Hierarchien spielen dabei durchaus eine Rolle. Da überlegt man sich schon zweimal, ob man etwas anspricht oder nicht. Meiner Meinung nach liegt die eigentliche Ursache noch tiefer. Denn die meisten Menschen schweigen nicht, weil sie keine Meinung haben. Sie schweigen, weil sie gelernt haben, dass Reden manchmal unangenehm werden kann. Manche haben Angst vor den Konsequenzen. Nicht unbedingt vor einer Kündigung oder einer Abmahnung. Oft reicht schon etwas viel Kleineres. Ich geb dir mal ein paar Gedanken dazu was ich damit meine:
„Wenn ich das anspreche, gelte ich wieder als der Nörgler.“
„Nachher bekomme ich die unangenehmen Schichten.“
„Dann heißt es wieder, ich sei nicht belastbar genug.“
Andere wiederum, haben schlechte Erfahrungen gemacht. Vielleicht haben sie in der Vergangenheit etwas angesprochen und wurden nicht ernst genommen. Vielleicht wurde das Problem klein geredet. Vielleicht bekamen sie sogar eine Rechtfertigung statt einer Lösung. Und irgendwann entsteht daraus ein einfacher Gedanke: „Warum soll ich mir die Mühe machen?“
Dann gibt es noch die Menschen, die einfach nicht schwierig wirken wollen. Gerade die loyalen Mitarbeitenden trifft man hier häufig. Diejenigen, die Verantwortung übernehmen, einspringen und das Team unterstützen. Sie denken sich:
„Die haben doch selbst schon genug Probleme.“
„Ich ziehe das schon irgendwie durch.“
Was von außen wie Loyalität aussieht, ist manchmal einfach nur stilles Aushalten.
Dann gibt es noch die Konfliktvermeider.
Menschen, die Harmonie wichtiger finden als Klarheit. Die lieber schweigen, als eine unangenehme Diskussion auszulösen. Bis aus einem kleinen Ärgernis ein großes Problem wird. Genau dann steht man irgendwann als Führungskraft da und fragt sich: „Warum hat mir das niemand gesagt?“
Die spannendere Frage lautet doch eher: Warum fühlt es sich für mein Team unsicher an, es mir zu sagen?
Das ist keine Schuldfrage. Es ist eine Führungsfrage.
Denn Mitarbeitende beobachten sehr genau, was passiert, wenn jemand Kritik äußert.
Wird zugehört? Wird nachgefragt? Wird das Problem ernst genommen? Wird sofort erklärt, verteidigt und relativiert?
Menschen lernen aus diesen Erfahrungen schneller, als viele Führungskräfte glauben. Wenn jemand erlebt, dass Kritik unerwünscht ist, spricht er sie beim nächsten Mal nicht mehr an. So einfach kann das manchmal sein, aus meiner Sicht.
Deshalb lohnt es sich, auf die kleinen Signale zu achten die der Mitarbeiter preisgibt:
• Rückzug
• Sarkasmus
• Augenrollen
• Dienst nach Vorschrift
• sinkende Beteiligung
• weniger Ideen
• weniger Fragen
Diese Dinge sind oft keine Charaktereigenschaften. Sie sind häufig Kommunikationsversuche, die nie ausgesprochen wurden. Genau an diesem Punkt wird Coaching spannend.
In meinen Coachings arbeiten wir oft gar nicht daran, dass Mitarbeitende mehr reden. Wir arbeiten daran, dass Führungskräfte Bedingungen schaffen, in denen Menschen überhaupt reden wollen. Denn offene Kommunikation entsteht nicht durch eine offene Tür. Sie entsteht durch Vertrauen. Durch Zuhören. Durch echtes Interesse. Und vor allem durch die Erfahrung, dass Ehrlichkeit nicht bestraft wird. Die meisten Probleme werden nicht verschwiegen, weil Mitarbeitende schwierig sind. Sie werden verschwiegen, weil Menschen irgendwann gelernt haben, dass Schweigen einfacher ist als Ehrlichkeit.
Die Frage ist deshalb nicht: „Warum sagt mir das niemand?“
Sondern: „Was passiert bei mir, wenn es jemand sagt?“
Wenn Mitarbeitende Probleme verschweigen, entstehen selten plötzlich Konflikte. Meistens gab es schon lange vorher Signale. Genau darum geht es auch in meinem Beitrag „Warum Feedbackgespräche meistens zu spät kommen“.





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