Warum Coaching nicht bedeutet, ständig über Gefühle zu spreche
„Ich will meinen Vorgesetzten aus dem Weg räumen!“ Das war tatsächlich einmal das Anliegen, mit dem jemand zu mir ins Coaching kam. Keine Sorge. Wir haben anschließend keinen Tatort geplant aber genau solche Sätze zeigen ganz gut, warum Coaching manchmal einen etwas merkwürdigen Ruf hat. Viele denken bei Coaching oft zuerst an Gefühle. Unausgesprochene Gefühle. Gefühle aus der Kindheit. Die Frage: „Und was macht das jetzt mit dir?“ Am besten sitzt man dabei noch in einem gefühlt sterilen Raum, irgendwo steht eine Liege und ich sitze dir mit Cordjacke und aufgestickten Ellenbogenpads gegenüber und erkläre dir, dass du jetzt erstmal deine Gefühle aussprechen musst. Da würde es mich ehrlich gesagt selbst ein bisschen schaudern. Gefühle gibt's trotzdem, das brauchen wir nicht wegzudiskutieren. Sie gehören zu unserem Alltag und können uns ziemlich früh darauf aufmerksam machen, dass gerade etwas mit uns passiert.
· Ärger.
· Unsicherheit.
· Freude.
· Angst.
· Enttäuschung. · Und und und.
Nur bedeutet ein Gefühl nicht automatisch, dass unsere Interpretation einer Situation richtig ist. Gefühle sind Hinweise, keine Beweise. Sie sind erstmal Informationen, mit denen man arbeiten kann. Vereinfacht gesagt kann man Emotion als das größere Paket verstehen: Im Körper und Kopf passiert etwas, wir reagieren darauf. Das Gefühl ist der Teil davon, den wir bewusst wahrnehmen. Ganz so sauber trennen lässt sich das wissenschaftlich allerdings nicht, weil es unterschiedliche Modelle dafür gibt. Mehr Theorie brauchen wir an der Stelle auch gar nicht. Denn Coaching bedeutet nicht, ständig über Gefühle zu sprechen. So zu tun, als hätten Gefühle mit unseren Entscheidungen, Konflikten und unserem Verhalten nichts zu tun, wäre genauso unsinnig.
Zurück zu meinem Klienten. Er wollte also seinen Vorgesetzten „aus dem Weg räumen“. Ich habe das erstmal so stehen lassen. Nicht weil ich davon ausgegangen bin, dass wir gleich gemeinsam einen Kofferraum ausmessen müssen. Sondern weil mich interessiert hat, was eigentlich hinter diesem Satz steckt.
· Was genau ist passiert?
· Warum ist dieser Vorgesetzte gerade so ein großes Thema?
· Was macht die Situation mit dir?
· Was willst du eigentlich erreichen?
Mit der Zeit wurde ziemlich deutlich, dass es überhaupt nicht darum ging, den Chef wirklich loszuwerden. Mein Klient fühlte sich nicht wertgeschätzt. Er hatte auf eine Beförderung gehofft. Die bekam er nicht. Stattdessen wurde jemand von außen geholt und ihm praktisch vor die Nase gesetzt. Das hat ihn getroffen. Er war enttäuscht. Wütend. Vielleicht auch gekränkt. Gleichzeitig hatte er großen Respekt davor, das Thema mit der Führungsetage anzusprechen. Man könnte vermutlich auch sagen: Angst, nebenbei, auch ein Gefühl. Jetzt hätte man natürlich eine Stunde darüber sprechen können, wie sich diese Enttäuschung anfühlt. Kann man machen. War aber gar nicht das, was er brauchte. Viel spannender war irgendwann die Frage: Was möchtest du jetzt damit machen?
Denn sein eigentliches Problem war nicht nur, dass er enttäuscht war. Er wollte das Gespräch suchen. Er wollte verstehen, warum die Entscheidung so gefallen war. Er wollte sagen, wie die Situation bei ihm angekommen ist. Er wollte dabei nicht mit Puls 160 im Raum sitzen und nach dem zweiten Satz entweder dichtmachen oder explodieren. Also haben wir angefangen, die Sache zu sortieren.
· Was genau möchtest du ansprechen? · Was ist Fakt?
· Was ist deine Interpretation?
· Was möchtest du von deinem Gegenüber wissen?
· Was willst du auf keinen Fall sagen, obwohl es dir gerade auf der Zunge liegt?
· Welche Reaktion könnte kommen?
· Was machst du, wenn das Gespräch anders läuft, als du es dir vorstellst?
Plötzlich ging es nicht mehr darum, stundenlang über Gefühle zu sprechen. Es ging um Vorbereitung. Klarheit. Kommunikation. Strategie. Selbststeuerung. Trotzdem waren die Gefühle nicht verschwunden. Sie waren einfach ein Teil davon. Gefühle können im Coaching ein Hinweis sein. Sie müssen aber nicht das Ziel des Coachings sein. Das finde ich wichtig.Wenn jemand mit Puls 160 in jedes Mitarbeitergespräch geht, muss ich nicht drei Stunden über seine Kindheit sprechen. Vielleicht reicht es erstmal herauszufinden, was genau diesen Puls auslöst und wie er künftig anders damit umgehen möchte. Vielleicht denkt er: Ich muss mich verteidigen. Vielleicht hat er Angst, nicht ernst genommen zu werden. Vielleicht geht er schon mit der Erwartung ins Gespräch, dass der andere sowieso dagegenhält. Vielleicht hat er schlicht nie gelernt, einen Konflikt auszuhalten, ohne sofort in Angriff oder Rückzug zu gehen.
Dann kann Coaching dabei helfen, das sichtbar zu machen. Nicht um jemanden in Gefühlen baden zu lassen. Sondern damit er versteht, was gerade passiert und entscheiden kann, wie er damit umgehen möchte. Das Gleiche gilt für viele andere Themen. Jemand möchte kündigen. Natürlich können da Gefühle eine Rolle spielen. Frust. Enttäuschung. Erschöpfung. Vielleicht auch Hoffnung auf etwas Neues. Irgendwann geht es trotzdem darum: Was genau möchtest du verändern?
Jemand hat ständig Konflikte mit seinem Team. Auch da können Ärger, Unsicherheit oder Verletzung mitspielen. Trotzdem kann die eigentliche Arbeit darin bestehen, Kommunikation zu verändern, Grenzen zu setzen oder den eigenen Führungsstil anzuschauen.
Jemand sagt: „Ich bekomme meinen Kopf nicht mehr frei.“ Dann geht es vielleicht nicht darum, jede Emotion einzeln auseinanderzunehmen. Vielleicht muss erstmal Ordnung rein.
· Was beschäftigt dich?
· Was davon kannst du beeinflussen?
· Was musst du entscheiden?
· Was schleppst du seit Wochen mit dir herum?
· Was gehört überhaupt dir und was hast du dir von anderen aufgeladen?
Coaching kann sehr praktisch sein. Es kann um Entscheidungen gehen. Um Konflikte.Um Neuorientierung. Um Grenzen. Um Werte. Um Ziele. Um die eigenen Stärken. Um Verhalten, das man verändern möchte. Oder einfach darum, endlich mal alles auf den Tisch zu packen und zu schauen, was davon eigentlich zusammengehört. Natürlich tauchen dabei Gefühle auf. Wir sind schließlich Menschen und keine Excel-Tabelle mit Puls. Du solltest wissen, nicht jedes Coaching muss zu einer emotionalen Tiefenbohrung werden. Genau da ist für mich auch eine klare Grenze. Wenn emotionale oder psychische Themen eine Tiefe erreichen, die nicht ins Coaching gehört, endet für mich auch der Coachingauftrag. Dann braucht es die passende Fachperson. Coaching ist keine Psychotherapie. Ein Coach sollte auch nicht so tun, als wäre er dafür zuständig, nur weil ein Gespräch irgendwann emotional wird. Tränen machen aus einem Coaching noch keine Therapie. Genauso wenig macht ein sachliches Gespräch automatisch gutes Coaching. Entscheidend ist, worum es geht und ob das Anliegen in den Rahmen gehört.
Am Ende meines Coachings hatte der Vorgesetzte übrigens weiterhin seinen Arbeitsplatz. Mein Klient aber hatte einen Plan für das Gespräch. Er wusste, was ihn eigentlich verletzt hatte, was er ansprechen wollte und wie er es tun wollte. Er hatte das Gespräch vorher durchgespielt. Er wusste, welche Punkte ihm wichtig waren. Er hatte sich auch darauf vorbereitet, dass die Antwort vielleicht nicht die sein würde, die er sich wünschte. Haben dabei Gefühle eine Rolle gespielt? Natürlich. War das Coaching deshalb eine Stunde Gefühlsdusselei? Ganz sicher nicht. Manchmal muss man ein Gefühl nicht endlos besprechen. Man muss nur verstehen, was es einem gerade sagen will und entscheiden, was man damit macht.





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