Warum du glaubst, funktionieren zu müssen
Es gibt Menschen, auf die ist immer Verlass. Sie springen ein, ziehen durch, auch wenn sie müde sind. Sie sagen selten Nein und schaffen irgendwie alles. Von außen wirken sie unglaublich belastbar.Das gilt nicht nur für die Arbeit. Auch im Privatleben sind sie da, wenn man sie braucht. Sie helfen, obwohl eigentlich etwas anderes geplant war.
Sie packen nach einer 55 Stunden Woche noch bei einem Umzug mit an. Sie stehen morgens um fünf Uhr auf, obwohl sie erst vier Stunden vorher ins Bett gegangen sind. Sie planen ihre Zeit um die Bedürfnisse anderer herum und stellen die eigenen hinten an. Viele sind stolz darauf, so zu sein. Ich war es auch.
Grundsätzlich ist daran erst einmal nichts falsch. Zuverlässigkeit, Disziplin und Hilfsbereitschaft sind wertvolle Eigenschaften. Es gibt Phasen im Leben, in denen wir funktionieren müssen. Eine Prüfung, eine schwierige Zeit im Beruf, eine familiäre Krise. Manchmal trägt uns genau dieses Funktionieren durch Situationen, in denen gerade wenig Platz für etwas anderes bleibt.Schwierig wird es meiner Erfahrung nach nicht dann, wenn wir eine Zeit lang funktionieren. Schwierig wird es, wenn wir gar keinen anderen Zustand mehr kennen.
Mit etwas Abstand betrachtet fühlt es sich zunächst gut an, immer derjenige zu sein, auf den Verlass ist. Man wird gebraucht. Andere wissen, dass sie sich auf einen verlassen können. Man bekommt Anerkennung für das, was man leistet. Doch wenn man genauer hinsieht und sich selbst einmal ehrlich fragt, warum man eigentlich ständig funktioniert, kann die Antwort ganz anders ausfallen.
Nicht jeder, der funktioniert, ist stark. Nicht jeder, der viel leistet, läuft automatisch vor etwas davon. Aber manche Menschen funktionieren, weil sie es nicht anders kennen. Weil sie irgendwann gelernt haben, die Erwartungen anderer ernster zu nehmen als die eigenen Grenzen.
Ein ehrlicher Blick auf mich selbst hat mir gezeigt, dass dieses Muster bei mir nicht erst in der Küche begonnen hat. Es fing viel früher an.
Schon als Kind lernen wir, was von uns erwartet wird. Wir sollen Farben und Tiere kennen, unser Zimmer aufräumen, die Uhr lesen und irgendwann Verantwortung übernehmen. Natürlich sind das wichtige Dinge. Kinder brauchen Orientierung, Regeln, Ermutigung und auch Anerkennung.
Das Problem ist nicht das Lob. Das Problem entsteht möglicherweise dann, wenn sich im Inneren eine Verbindung bildet:
Ich werde besonders dann gesehen, wenn ich etwas leiste.
Ob und wie stark das geschieht, ist bei jedem Menschen unterschiedlich. Manche erleben Lob einfach als schöne Bestätigung. Andere beginnen irgendwann, ihren eigenen Wert immer stärker an Leistung zu knüpfen. Später setzt sich dieses Muster möglicherweise fort. Auf dem Sportplatz möchte man gut sein. In der Schule gute Noten schreiben. Man möchte zeigen, was man kann. Man möchte dazugehören, Anerkennung bekommen und nicht enttäuschen. Mit der Zeit steigen die Erwartungen. Nicht nur die der anderen. Auch die eigenen.
Bei mir wurde dieses Muster in der Küche besonders stark. Ich begann meine Ausbildung mit 15 Jahren. Hand aufs Herz: In diesem Alter ist man in vielen Bereichen noch ein Kind. Gleichzeitig wird man plötzlich mit Verantwortung, Erwartungen und Druck konfrontiert.
Ich spreche dabei nicht für jede Küche und nicht für jede Ausbildung. Ich spreche über das, was ich erlebt und daraus gelernt habe. Wenn etwas gut lief, bekam ich Anerkennung. Ich wurde gelobt. Ich fühlte mich gesehen und war stolz auf das, was ich geschafft hatte. Gleichzeitig lernte ich aber auch etwas anderes. Aufgeben war keine Option. Müdigkeit galt selten als Grund. Schwäche zeigte man besser nicht.
So entwickelten sich hohe Erwartungen an mich selbst. Die Angst vor Fehlern. Der Wunsch, niemanden zu enttäuschen. Anerkennung bekam ich vor allem über Leistung. Je mehr ich leistete, desto stärker wurde das Gefühl, gebraucht zu werden. Das bedeutet nicht, dass Leistung schlecht ist.
Es bedeutet auch nicht, dass wir nur noch Dinge tun sollten, auf die wir Lust haben. Erwachsensein, Verantwortung und Zusammenarbeit bestehen nun einmal auch daraus, Aufgaben zu erledigen, obwohl wir müde sind oder gerade lieber etwas anderes tun würden. Die entscheidende Frage ist für mich eine andere:
Entscheide ich noch bewusst, wann ich mich anstrenge? Oder funktioniere ich längst automatisch?
Funktionieren fühlte sich für mich lange wie Stärke an. Bis ich irgendwann merkte, dass ich dabei verlernt hatte, auf mich selbst zu hören. Gerade im Arbeitsleben und in einer hektischen, unsicheren Zeit arbeiten viele Menschen hart und oft sehr viel. Sie erledigen, organisieren, helfen, springen ein und halten alles am Laufen. Dabei kann etwas verloren gehen, das für uns Menschen wichtig ist.
Die Wahrnehmung für uns selbst.
· Wir bemerken, was andere brauchen, aber nicht mehr, was uns selbst fehlt.
· Wir spüren die Erwartungen anderer, aber nicht mehr die eigenen Grenzen.
· Wir wissen, was noch erledigt werden muss, aber nicht mehr, wie es uns eigentlich geht.
Ich habe Funktionieren lange mit Stärke verwechselt. Heute sehe ich es differenzierter. Stärke kann bedeuten, eine schwere Phase durchzuhalten. Sie kann bedeuten, Verantwortung zu übernehmen und Dinge zu tun, obwohl sie gerade keinen Spaß machen.
Stärke kann aber auch bedeuten, rechtzeitig zu merken, wann aus Durchhalten ein Dauerzustand geworden ist. Es geht nicht darum, weniger zuverlässig zu werden. Es geht darum, sich selbst in dieser Zuverlässigkeit nicht zu verlieren. Denn wer ständig funktioniert, vergisst irgendwann möglicherweise nicht nur, sich auszuruhen. Er vergisst, sich selbst überhaupt noch zuzuhören.
· Wann hast du dich zuletzt ehrlich gefragt, wie es dir geht?
· Wann hast du zuletzt etwas nur für dich getan, ohne dabei produktiv sein zu müssen?
· Wann hast du zuletzt etwas zugesagt, obwohl du eigentlich nicht mehr konntest oder schlicht keine Lust hattest?
Vielleicht ist die entscheidende Frage nicht, wie lange du noch funktionieren kannst. Vielleicht ist sie, ob du noch selbst entscheidest, wann du es tust.





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