Gleichbehandlung kann ziemlich unfair sein
Gleichbehandlung klingt erstmal gut. Jeder wird gleich behandelt. Jeder bekommt die gleichen Chancen. Für jeden gelten die gleichen Regeln. Klingt fair. Ist es aber nicht automatisch. Ich glaube, gerade in Führung und vor allem in der Ausbildung verwechseln wir Gleichbehandlung ziemlich schnell mit Gerechtigkeit. Nehmen wir mal ein ganz einfaches Beispiel aus der Ausbildung.
Der eine Azubi hat nach einigen Tagen ein richtig gutes Gefühl für den Grill. Temperaturen, Gargrade, Timing. Das sitzt erstaunlich schnell. Beim anderen Azubi sieht eine Bouillon nach dem dritten Mal schon so aus, dass man denkt: Ja, daraus kann was werden. Dann gibt es jemanden, der mit dem Messer arbeitet, als hätte er nie etwas anderes gemacht. Gemüse tournieren, feine Julienne, Schnittlauch geschnitten wie von einem Halbgott in Weiß, saubere Arbeit kann man da sagen. Dafür steht dieser Suppengott in Ausbildung, vielleicht vor einem Briocheteig und schaut den an, als hätte man ihm gerade eine mathematische Gleichung aus der Raumfahrt hingelegt. Der andere Halbgott in Weiß wundert sich, warum man die Vanillesauce zur Rose abzieht, dann aber aussieht wie ein Schlemmerrührei. Beim angehenden Grillmeister werden aus Kartoffelgnocchi auf einmal Salzwasser mit Einlage.
Menschen sind unterschiedlich. Gut, das ist jetzt nicht die Erkenntnis des Jahrhunderts. Trotzdem führen und entwickeln wir Menschen manchmal so, als müssten alle exakt denselben Weg nehmen. Gleiche Erklärung. Gleiches Tempo. Gleiche Erwartung. Gleiche Unterstützung. Wenn jemand damit nicht klarkommt, landet man schnell bei: „Der muss sich halt mehr anstrengen“ bis hin zu „wie gewollt und nicht gekonnt“. Vielleicht? Vielleicht braucht er aber einfach einen anderen Zugang. Ich habe das selbst oft erlebt. Der eine braucht eine Erklärung einmal und legt los. Der andere möchte erst verstehen, warum etwas so gemacht wird. Der Nächste muss es sehen. Ein anderer muss es selbst ausprobieren und dabei vielleicht auch zweimal gegen die Wand laufen. Ich war eher bei den letzteren Spitzenreiter. Das bedeutet nicht, dass wir Ansprüche senken müssen. Es bedeutet auch nicht, dass jeder machen kann, was er will. Für mich ist der Unterschied ein anderer: Gleiche Regeln bedeuten nicht automatisch gleiche Führung. Respekt sollte für jeden gelten. Fairness auch. Verbindlichkeit ebenfalls. Aber Entwicklung? Die kann gar nicht bei jedem gleich aussehen. Stell dir einen Menschen vor, der fachlich unglaublich stark ist, aber sich kaum traut, vor anderen zu sprechen. Daneben jemanden, der selbstbewusst durch jeden Raum läuft, dafür fachlich noch große Lücken hat. Wenn ich beide gleich behandle, kann ich im schlechtesten Fall den einen permanent überfordern und den anderen überhaupt nicht mehr fordern. Das ist dann zwar die gleiche Behandlung, aber nicht besonders klug. Wie ich finde. Für mich ist das auch ein Teil von Führung. Nicht bei der Frage: „Wie behandle ich alle gleich?“ Sondern: „Was braucht dieser Mensch gerade, um sich weiterzuentwickeln?“
Genau das macht Führung auch wieder ein Stück weit komplizierter. Natürlich wäre es einfacher, wenn man für jeden Menschen dieselbe Anleitung hätte.
· Mitarbeiter A: zweimal loben, einmal korrigieren.
· Mitarbeiter B: bitte identisch behandeln.
· Mitarbeiter C: siehe Punkt A
= Problem gelöst!
Nur funktionieren Menschen leider nicht wie eine Bedienungsanleitung für einen Kombidämpfer. Zum Glück. Jeder bringt etwas mit. Stärken und Schwächen. Erfahrungen und Unsicherheiten. Bis hin zu Tempo und Selbstvertrauen. Er bringt auch Dinge mit, die man am Anfang noch gar nicht sieht. Ich denke da manchmal an ganz einfache Beispiele. Ein Maurer zieht dir bei 30 Grad eine Mauer schnurgerade 15 Meter hoch und schaut dich bei Excel an, als hätte Microsoft das Programm persönlich gegen ihn entwickelt. Ein Herzchirurg macht mikrofeine Schnitte, ohne mit der Wimper zu zucken, steht dann beim Radwechsel mit dem Radkreuz in der Hand und bittet die Muttern darum, dass sie allein aufgehen. Ist einer davon deshalb unfähig? Natürlich nicht. Er kann nur etwas anderes. Spannend wird es für Führungskräfte dort, wo aus einer Schwäche Entwicklung werden soll. Denn auch da funktioniert nicht jeder Weg gleich. Dem einen musst du Sicherheit geben. Den nächsten stärker fordern. Einem Menschen musst du Dinge kleinschrittig zeigen. Einem anderen musst du vielleicht endlich aus dem Weg gehen, damit er selbst ausprobieren kann. Manchmal braucht jemand auch eine sehr klare Rückmeldung: „Das reicht so noch nicht.“ Ich habe, gerade in meiner Lehre, öfter mal einen ordentlichen Arschtritt gebraucht. Individualität bedeutet nicht Kuschelkurs. Das ist mir wichtig zu sagen. Menschen individuell zu führen heißt nicht, jede Schwäche zu entschuldigen oder Erwartungen dauerhaft anzupassen, bis niemand mehr gefordert wird.
Es bedeutet für mich eher, einen Weg zu finden, wie ein Mensch seine Schwächen bearbeiten kann, ohne dass man ihn ständig an seinen Schwächen misst. Denn wenn jemand zehn Dinge gut kann und bei einer Sache Schwierigkeiten hat, hilft es wenig, ihn jeden Tag nur genau an dieser einen Sache zu beurteilen. Genauso wenig hilft es, die Schwäche komplett zu ignorieren. Die Kunst liegt irgendwo dazwischen. Stärken sehen. Ressourcen erkennen. Schwächen ehrlich benennen. Dann gemeinsam schauen, wie Entwicklung möglich wird. Eine einfache Frage kann dabei schon ziemlich hilfreich sein:
„Was brauchst du von mir, damit du den nächsten Schritt selbst gehen kannst?“
Manchmal ist die Antwort mehr Unterstützung. Manchmal eine andere Erklärung. Manchmal mehr Zeit. Manchmal lautet sie vielleicht sogar: „Lass mich einfach mal machen.“ Das braucht mehr Aufmerksamkeit als Gleichbehandlung. Vielleicht ist genau deshalb Gleichbehandlung so beliebt. Sie ist einfacher. Niemand kann sagen:
· „Warum bekommt der mehr Unterstützung?“
· „Warum erklärst du ihr das anders?“
· „Warum darf er das schon und ich noch nicht?“
Solche Fragen sind unangenehm. Ich denke aber, vielleicht ist die bessere Antwort nicht: „Bei uns werden alle gleich behandelt.“ Sondern: „Bei uns gelten für alle dieselben Werte. Nicht jeder Mensch braucht deshalb denselben Weg.“
Fairness bedeutet für mich nicht, jedem exakt dasselbe zu geben. Fairness bedeutet, jedem eine echte Chance zu geben, sich zu entwickeln. Manchmal kann genau deshalb Gleichbehandlung ziemlich unfair sein.





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