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Warum Führungskräfte oft die falschen Mitarbeitenden fördern

bkiffner
25. Aug.
5 Min. Lesezeit

In einer hektischen Küche geht es bekanntlich nicht nur heiß her. Ab und zu ist auch der Lärmpegel ziemlich beeindruckend. Der Bondrucker läuft, die Spülmaschine legt den höchsten Gang ein, der Service wird gerufen, der Konvektomat pfeift und irgendwo fällt garantiert noch eine Schüssel auf den Boden. Dann gibt es noch die lauten Menschen. Damit meine ich nicht diejenigen, die herumschreien oder mit Gegenständen um sich werfen. Diese Zeiten sind zum Glück größtenteils vorbei. Auch wenn es sicher noch den einen oder anderen Betrieb gibt, der diese Entwicklung erfolgreich verschlafen hat.


Ich meine Menschen, die sich gut präsentieren können. Die bei jeder Gelegenheit vorne stehen, ihre Meinung einbringen und ihren Senf dazugeben. Menschen, die sehr deutlich zeigen, was sie tun, was sie wissen und warum sie aus ihrer eigenen Sicht vermutlich eine ziemlich wichtige Rolle im gesamten Betrieb spielen. Das Gegenteil davon sind die Stillen. Sie arbeiten eher im Hintergrund, erledigen zuverlässig ihre Aufgaben, lösen Probleme, helfen dem Team und sprechen kaum darüber. Nicht unbedingt, weil sie nichts zu sagen hätten. Vielleicht sehen sie einfach keinen Grund, jeden Handgriff mit einer kleinen Pressekonferenz zu begleiten.

Die einen haben eine große Sichtbarkeit. Die anderen haben eine große Wirkung im Team. Wer davon automatisch der bessere Mitarbeitende ist, kann man daraus noch nicht ableiten. Denn natürlich gibt es laute Menschen, die hervorragende Arbeit leisten. Es gibt stille Menschen, die zuverlässig wirken, aber trotzdem wenig beitragen. Lautstärke ist genauso wenig ein Beweis für fehlende Leistung, wie Ruhe automatisch für Qualität steht.Trotzdem habe ich in meinem Berufsleben immer wieder eine Dynamik beobachtet: Sichtbarkeit fällt schneller auf als Wirkung.

Wer gut über seine Arbeit sprechen kann, wird leichter wahrgenommen. Wer seine Erfolge sichtbar macht, bleibt im Gedächtnis. Wer in Besprechungen schnell antwortet, klare Meinungen vertritt und selbstbewusst auftritt, wirkt zunächst kompetent.

Die stille Arbeit sieht man dagegen oft erst dann, wenn sie nicht mehr gemacht wird.


Mir ging es als Führungskraft selbst häufig so. Wenn ich neue Köche eingestellt habe, zu einem neuen Team kam oder bei einem Catering ausgeholfen habe, fielen mir zuerst die sichtbaren Menschen auf. Die Gesprächigen. Diejenigen, die sofort wussten, wie der Hase läuft und es einem zur Sicherheit auch gleich erklärten.

Man bewundert diese Art manchmal ein wenig. Gerade wenn man selbst neu in einem Betrieb ist. Diese Menschen treten sicher auf, kennen scheinbar jeden Ablauf und stehen bei jeder wichtigen Situation irgendwo in der Nähe. Sie machen und tun, reden und erklären. Am Ende kommt meistens auch etwas dabei heraus. Mit etwas Abstand stellte ich allerdings manchmal fest: Es war viel Show dabei. Nüchtern betrachtet hätten ein oder zwei zusätzliche Schippen Leistung nicht geschadet. Denn das, was am Ende auf dem Teller, im Ablauf oder im Team ankam, war nicht immer so beeindruckend wie die Präsentation davor. Selbstvermarktung fällt nun einmal leichter auf als stille Leistung.Wer über ein gelöstes Problem spricht, wird eher mit der Lösung verbunden als derjenige, der fünf andere Probleme verhindert hat, bevor sie überhaupt jemand bemerkt.

Genau darin liegt für Führungskräfte eine Gefahr. Wir können Potenzial mit Lautstärke verwechseln. Wir halten jemanden für führungsstark, weil er selbstbewusst auftritt. Wir schreiben ihm Durchsetzungsfähigkeit zu, weil er häufig spricht. Wir vermuten Überblick, weil er zu allem eine Meinung hat. Doch eine Meinung zu allem ist noch kein Überblick. Selbstsicherheit ist noch keine Führungsfähigkeit. In fast jedem Team gibt es auch die Stillen. Am Anfang bekommt man sie manchmal kaum mit. Sie kommen, erledigen ihre Arbeit und gehen wieder. Ohne viel Tamtam und Trallala. Neben den sichtbareren Kolleginnen und Kollegen können sie leicht untergehen. Vielleicht denkt man anfangs sogar:

Der ist irgendwie nicht so mein Fall. Sehr gesprächig ist er jedenfalls nicht.

Mit der Zeit merkt man jedoch, dass alles läuft, wenn diese Person da ist. Die Arbeit ist vorbereitet. Probleme werden früh erkannt. Kolleginnen und Kollegen bekommen Hilfe, ohne erst darum bitten zu müssen. Abläufe funktionieren, ohne dass jemand laut verkündet, sie gerade gerettet zu haben. Was diese Menschen tun, hat Hand und Fuß. Sie denken mit. Sie schauen voraus. Sie strahlen Beständigkeit aus. Selbst in hektischen Situationen bleiben sie häufig klar. Das wirkt manchmal fast ein wenig langweilig. Vor allem neben dem Kollegen, der schon beim Umziehen gestresst ist, anschließend in die Abteilung rennt und innerhalb weniger Minuten das ganze Team mit seiner Hektik angesteckt hat. Obwohl sich am tatsächlichen Arbeitspensum überhaupt nichts verändert hat.

Der eine erzeugt viel Bewegung. Der andere sorgt dafür, dass der Betrieb sich trotzdem bewegt. Das ist nicht dasselbe.


Irgendwann kommt man als Führungskraft hoffentlich zum Umdenken. Manche Menschen tragen den Laden und vielleicht sogar das Team. Andere tragen nur sehr überzeugend vor, dass sie es tun. Der erste Eindruck kann die Rollen vollkommen vertauschen. Das Schwierige daran ist, dass zuverlässige Mitarbeitende schnell selbstverständlich werden. Wenn jemand immer vorbereitet ist, Probleme löst und ruhig seine Leistung bringt, fällt das irgendwann kaum noch auf. Die Führungskraft gewöhnt sich daran. Es läuft eben. Aufmerksamkeit bekommt dagegen häufig derjenige, der sichtbar handelt, laut kommuniziert oder regelmäßig dafür sorgt, dass seine Beiträge nicht übersehen werden. So kann es passieren, dass nicht die Person mit der größten Wirkung gefördert wird, sondern diejenige mit der größten Präsenz. Eine Beförderung kann das gesamte Team deshalb mehr irritieren als motivieren. Die Mitarbeitenden wissen oft sehr genau, wer wirklich Verantwortung trägt. Sie sehen, wer hilft, wenn es eng wird. Wer Fehler anderer auffängt. Wer vorausdenkt. Wer auch dann verlässlich ist, wenn gerade niemand zuschaut.

Wird stattdessen jemand befördert, der sich vor allem gut verkauft, entsteht schnell eine gefährliche Botschaft: Leistung allein reicht nicht. Man muss nur überzeugend genug darüber sprechen.

Das kann gerade die stillen Leistungsträger treffen. Menschen, die sich nicht ständig in den Vordergrund stellen, beginnen sich zu fragen, ob ihre Arbeit überhaupt gesehen wird. Manche ziehen sich noch weiter zurück. Andere hören auf, zusätzliche Verantwortung zu übernehmen. Einige verlassen irgendwann den Betrieb. Nicht, weil sie keine Entwicklung wollten. Sondern weil sie gelernt haben, dass Wirkung weniger zählt als Sichtbarkeit. Dabei bedeutet das nicht, dass die beste Fachkraft automatisch die beste Führungskraft wäre.

Wer hervorragend kocht, organisiert oder Probleme löst, kann trotzdem Schwierigkeiten damit haben, Menschen zu führen. Fachliche Leistung und Führungsfähigkeit sind zwei unterschiedliche Dinge. Genauso wenig wird jemand allein dadurch zur guten Führungskraft, dass er laut, präsent und selbstbewusst auftritt. Führung braucht mehr als Fachwissen und mehr als Sichtbarkeit. Sie braucht die Fähigkeit, anderen Orientierung zu geben, Verantwortung zu übertragen, Konflikte auszuhalten und das Team nicht nur zu führen, wenn alle zuschauen. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht: Wer fällt mir am meisten auf? Sondern:


·         Welche Wirkung hat dieser Mensch tatsächlich?

·         Was passiert im Team, wenn er da ist?

·         Werden Abläufe klarer oder chaotischer?

·         Werden andere Menschen stärker oder kleiner?

·         Werden Probleme früh gelöst oder nur besonders eindrucksvoll kommentiert?

·         Übernimmt jemand Verantwortung oder spricht er hauptsächlich darüber?

·         Funktioniert das Team auch dann gut, wenn die Führungskraft gerade nicht im Raum steht?


Tatsächliche Wirkung erkennt man selten an einem einzelnen lauten Moment. Man erkennt sie über Zeit. In schwierigen Situationen. In der Zusammenarbeit. Vor allem häufig auch daran, was geschieht, wenn ein Mensch einmal nicht da ist. Plötzlich fehlen Informationen. Abläufe stocken. Niemand hat vorbereitet, woran sonst immer jemand gedacht hat. Kolleginnen und Kollegen merken, wie viel im Hintergrund tatsächlich getragen wurde. Die stille Leistung wird oft erst sichtbar, wenn sie verstummt.

Für Führungskräfte bedeutet das, genauer hinzusehen. Nicht nur auf diejenigen, die sich zeigen, sondern auch auf die, die tragen. Nicht nur auf den Auftritt, sondern auf das Ergebnis. Nicht nur auf Präsenz, sondern auf Wirkung.

Denn manche Menschen sprechen sehr überzeugend darüber, wie wichtig sie für ein Team sind. Andere sorgen einfach dafür, dass es funktioniert. Genau die sollten wir nicht erst dann erkennen, wenn sie nicht mehr da sind.


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