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Warum Mitarbeitende aufhören, Verantwortung zu übernehmen

bkiffner
7. Juli
4 Min. Lesezeit

Ich glaube, in dieser Situation waren schon fast alle Führungskräfte einmal. Man stellt einen neuen Mitarbeitenden ein. Nach einer Weile merkt man: Der ist engagiert. Er denkt mit, manchmal sogar voraus. Probleme löst er selbstständig, bevor sie überhaupt auf deinem Schreibtisch landen. Ich rede hier nicht von den ersten euphorischen Wochen oder der Probezeit. Ich meine die Zeit danach.

Anfangs sind viele Mitarbeitende wirklich motiviert. Man kann ihnen Verantwortung geben und sich auf sie verlassen. Nicht, weil man sie dazu zwingt. Sondern weil sie es wollen. Sie identifizieren sich mit ihrer Aufgabe, dem Team oder sogar dem Unternehmen. Sie wollen lernen, sich entwickeln und besser werden.

Doch irgendwann merkt man als Führungskraft, dass sich etwas verändert. Der Drang wird weniger. Das Engagement nimmt ab. Die Eigeninitiative verschwindet langsam. Und plötzlich ertappt man sich dabei, diesen Mitarbeitenden häufiger zu kontrollieren als früher. In Bayern würde man sagen: „Des is a fauler Hund gworden.“ Aus meiner Erfahrung, und diese kenne ich mittlerweile von beiden Seiten, kann ich dir sagen: Menschen hören selten auf, Verantwortung zu übernehmen. Sie hören auf, Verantwortung zu übernehmen, wenn Verantwortung regelmäßig bestraft wird.


Ich erzähle dir dazu eine Geschichte aus meiner Zeit als Koch.

Ich war Anfang zwanzig und als Chef de Partie angestellt. Anfangs war ich voller Energie. Ich habe mitgedacht, organisiert, Lösungen gesucht und Verantwortung übernommen. Dafür bekam ich auch gutes Feedback. Mit der Zeit wurden mir immer mehr Aufgaben übertragen. Verantwortung für Abläufe im Bankettgeschäft, für den Abendservice oder für die Umsetzung von HACCP-Vorgaben. Eigentlich genau das, was man sich als motivierter Mitarbeitender wünscht. Doch irgendwann bemerkte ich etwas.

Je mehr Verantwortung ich bekam, desto häufiger wurde ich kontrolliert. Entscheidungen, die ich treffen sollte, wurden im Nachhinein hinterfragt. Kleinigkeiten wurden kritisiert. Oft nicht mit dem Ziel, mich weiterzuentwickeln, sondern einfach nur kritisiert. Verbesserungsvorschläge blieben häufig aus. Stück für Stück hat das etwas mit mir gemacht. Mein Engagement wurde weniger. Meine Eigeninitiative nahm ab. Nicht, weil ich keine Lust mehr hatte. Sondern weil ich gelernt hatte, dass Verantwortung oft mehr Kritik als Vertrauen nach sich zog. Irgendwann war ich an dem Punkt, an dem ich nur noch Anweisungen ausgeführt habe. Selbst dann wurde noch kritisiert. Das Verrückte daran war: Ich habe tatsächlich angefangen, weniger mitzudenken. Nicht weil ich es nicht konnte. Sondern weil ich irgendwann keinen Sinn mehr darin gesehen habe.

Heute tut mir das fast leid, weil ich damals einen Teil meines Potenzials bewusst zurückgefahren habe. Aus heutiger Sicht verstehe ich auch, warum es passiert ist. Am Ende führte dieser Weg dazu, dass ich gekündigt habe. Als ich meine Kündigung abgegeben habe, ging tatsächlich eine kleine Schockwelle durch den Betrieb. Viele Kolleginnen und Kollegen arbeiteten gerne mit mir zusammen. Die Frage war immer dieselbe: „Warum kündigst du?“

Meine offizielle Antwort lautete: „Ich habe eine neue Stelle gefunden und eine höhere Position bekommen.“ Die unausgesprochene Antwort war:

„Weil ich es leid bin, mich ständig für meine Entscheidungen rechtfertigen zu müssen.“

Das Interessante daran: Die Teams wechselten im Laufe der Jahre immer wieder. Die beiden Führungskräfte blieben. Heute, viele Jahre später und selbst als Führungskraft, denke ich oft an diese Zeit zurück. Ich verstehe mittlerweile auch einige Gedanken hinter der damaligen Kritik besser. Vielleicht wollten sie mich weiterentwickeln. Vielleicht wollten sie mich fordern. Vielleicht habe ich ihnen sogar viel Arbeit abgenommen und dadurch ihren Alltag erleichtert. Wer weiß, wer weiß.

Trotzdem blicke ich gerne auf diese Zeit zurück. Vor allem auf die Menschen und die Teams, mit denen ich gearbeitet habe. Die Erfahrung hat mir allerdings etwas Wichtiges gezeigt: Verantwortung verschwindet selten von heute auf morgen. Sie wird erst vorsichtiger. Dann kleiner. Dann unsichtbar.

Genau deshalb sollten Führungskräfte aufmerksam werden, wenn Mitarbeitende plötzlich für Dinge nachfragen, die sie früher selbst entschieden hätten.


·         Wenn niemand mehr Verbesserungsvorschläge macht.

·         Wenn Probleme zwar gesehen, aber nicht mehr angesprochen werden.

·         Wenn Entscheidungen lieber zurückdelegiert werden.

·         Wenn nur noch abgearbeitet wird.


Viele Führungskräfte stellen dann die Frage: „Warum denkt hier eigentlich keiner mehr mit?“

Die spannendere Frage wäre vielleicht: „Wann haben die Menschen aufgehört zu glauben, dass Mitdenken erwünscht ist?“

Denn Verantwortung wird oft unbewusst bestraft. Zum Beispiel dann, wenn jede Entscheidung kontrolliert wird. Wenn Fehler stärker wahrgenommen werden als Erfolge.Wenn Verantwortung übertragen wird, aber keine echten Entscheidungsspielräume entstehen.Wenn gute Leistung irgendwann einfach als selbstverständlich angesehen wird.

Dann lernen Mitarbeitende etwas Gefährliches: „Egal was ich mache, es ist nie ganz richtig.“

Irgendwann folgt daraus die logische Konsequenz: „Dann entscheidet halt selbst.“ Das hat wenig mit Faulheit zu tun. Oft ist es einfach Selbstschutz.


Genau an diesem Punkt wird Coaching spannend. Denn viele Führungskräfte glauben, sie hätten ein Motivationsproblem im Team. In Wirklichkeit haben sie häufig ein Vertrauensproblem geschaffen, ohne es zu merken. In meinen Coachings schauen wir deshalb nicht nur auf die Mitarbeitenden, sondern auch auf die Bedingungen, unter denen Verantwortung überhaupt entstehen kann. Denn Verantwortung kann man nicht anordnen. Verantwortung entsteht dort, wo Menschen Entscheidungen treffen dürfen. Wo Fehler erlaubt sind. Wo Vertrauen spürbar ist. Wo Leistung nicht nur eingefordert, sondern auch gesehen wird. Vielleicht sind Mitarbeitende gar nicht verantwortungslos geworden. Vielleicht haben sie einfach gelernt, dass Verantwortung mehr Kritik als Anerkennung bringt. Denn Menschen hören selten auf, Verantwortung zu übernehmen. Sie hören auf, Verantwortung zu übernehmen, wenn Verantwortung regelmäßig bestraft wird.


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