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Ich schreibe über das, was vorher passiert

bkiffner
8. Sept.
6 Min. Lesezeit

Letztens war der Tag, da war ich mal so gar nicht bei mir. Nichts hat geklappt, keine Inspiration, keine Kreativität. Ich weiß, das ist normal. Ich weiß auch, was ich tun muss. Genau bei dieser Frage dachte ich mir: Über was schreibe ich hier eigentlich die ganze Zeit?

Über Führung? Ja. Über Gastronomie? Natürlich.

Über Teams, Motivation, Kommunikation, Leistungsdruck, Verantwortung, Vertrauen, Perfektionismus, Hektik und all die anderen Dinge, die einem im Arbeitsleben so begegnen? Auch.

Über meine persönlichen Höhen und Tiefen, Erfolge und Herausforderungen und auch meine Erfahrungen, die ich gemacht habe.

Vor allem interessiert mich meistens das, was vorher passiert.Wenn ein Mitarbeiter irgendwann nur noch Dienst nach Vorschrift macht, interessiert mich nicht nur dieser Zustand. Mich interessiert, was Monate vorher passiert ist.

Wann hat er aufgehört, Ideen einzubringen? Wann wurde aus Engagement Gleichgültigkeit? Wann hat er vielleicht gelernt, dass sich zusätzlicher Einsatz sowieso nicht lohnt?

  • Wenn Menschen keine Probleme mehr ansprechen, frage ich mich nicht nur, warum sie schweigen. Ich frage mich, was passiert ist, als sie früher einmal gesprochen haben.

  • Wenn eine Führungskraft ständig kontrolliert, interessiert mich nicht nur das Mikromanagement. Mich interessiert auch, warum Loslassen so schwerfällt. Ist es fehlendes Vertrauen? Angst vor Kontrollverlust? Vielleicht das Gefühl, dass ohne einen selbst alles zusammenbricht?

  • Wenn jemand ständig funktioniert, möchte ich nicht einfach schreiben, dass er mehr Pausen machen sollte. Das wäre ein bisschen dünn. Mich interessiert, warum dieser Mensch überhaupt glaubt, immer funktionieren zu müssen.

  • Wenn gute Arbeit niemals gut genug ist, ist die spannende Frage für mich nicht, wie man seinen Perfektionismus abstellt. Mich interessiert eher, ob hinter dem hohen Anspruch vielleicht noch etwas anderes steckt. Der Wunsch nach Qualität zum Beispiel. Berufsstolz. Aber vielleicht auch die Angst vor Kritik oder davor, irgendwann nicht mehr zu genügen.


Genau dort wird es für mich interessant. Denn genau das habe ich selbst immer wieder persönlich erlebt. Anfangs unbewusst. Mit der Zeit habe ich wirklich verstanden, wie man sich selbst reflektiert, und habe genau über diese ganzen „Wenns“ auch nachgedacht. Egal ob mit 20, 25, 30, 35 oder jetzt mit 41. Ich habe immer darüber nachgedacht, wieso, weshalb, warum. Nicht bei dem, was jeder sieht oder bei dem Ergebnis, das am Ende rauskommt. Sondern bei dem, was vorher passiert.

Dieser Blick kommt daher, dass ich viele Jahre in Küchen gearbeitet und geführt habe. Gastronomie ist ein ziemlich guter Ort, um Menschen zu beobachten. Nicht unbedingt freiwillig, aber die Bedingungen dafür sind hervorragend.

Zeitdruck. Hitze. Personalmangel. Unterschiedliche Charaktere. Hierarchien. Gäste. Qualität. Erwartungen. Fehler. Konflikte. Kulturen. Ein Bondrucker, der klingt wie ein Maschinengewehr und natürlich genau dann noch jemand, der wissen möchte, wo die Pfeffermühle steht, obwohl sie seit ungefähr sechs Jahren am gleichen Platz liegt.

Da fällt mir gerade beim Schreiben ein: Meine Chefin damals hat mir wirklich klargemacht, warum alles am Platz stehen sollte und nicht verändert werden sollte. Weil man ganz automatisch genau dahin greift, wo Pfeffer steht, Salz steht und Zucker steht. Man denkt nicht mehr, man ist automatisiert. Nun zurück.

Unter solchen Bedingungen bekommt man relativ schnell mit, wie Menschen reagieren. Man sieht denjenigen, der unter Druck immer lauter wird, eventuell mit knallrotem Kopf. Denjenigen, der still wird und voll im Fokus ist. Den, der plötzlich alles kontrolliert und dem trotzdem alles entgleitet. Den, der Verantwortung übernimmt, obwohl es nicht seine Aufgabe ist. Der sie irgendwann nicht mehr übernehmen möchte, weil er sich ausgenutzt fühlt.

Man erlebt Führungskräfte, bei denen man genau weiß, woran man ist. Andere, bei denen man morgens erst einmal herausfinden muss, welcher Mensch heute zur Arbeit gekommen ist. Man begegnet Kollegen, die einen ganzen Laden tragen und kaum darüber sprechen. Anderen, die sehr überzeugend erzählen können, wie viel sie gerade tragen, aber in Wirklichkeit nur so tun, als ob.

Ich war dabei nicht nur Beobachter. Ich habe selbst genügend Fehler gemacht. Reichlich!

Ich habe kontrolliert, obwohl ich eigentlich delegieren wollte. Ich habe Dinge lieber selbst gemacht, weil ich glaubte, dass es schneller geht. Ich habe meine eigene Leistung kleingeredet. Ich habe funktioniert, obwohl ich längst müde war. Ich habe Erfolge erreicht und sie innerhalb kürzester Zeit zum neuen Mindeststandard erklärt. Wahrscheinlich habe ich als Führungskraft auch Menschen falsch eingeschätzt. Mit Sicherheit habe ich mit meiner Art auch Menschen verletzt. Damals habe ich vieles einfach gemacht. Heute kann ich mit Abstand darauf schauen und mich fragen:

Warum eigentlich?

Genau diese Frage steckt in vielen meiner Texte. Warum passiert das?

  • Was macht das mit Menschen?

  • Was passiert im Team, wenn sich dieses Verhalten über Monate oder Jahre wiederholt?

  • Was könnte man vielleicht anders machen?

Kurz gesagt, ich habe aus dem Wenn ein Was gemacht.


Dabei geht es mir nicht darum, Menschen in Schubladen zu stecken. Im Gegenteil. Je länger ich mit Menschen gearbeitet habe, desto weniger glaube ich an einfache Erklärungen oder Schubladen!

Der stille Mitarbeiter ist nicht automatisch der bessere. Der laute Mitarbeiter ist nicht automatisch ein Blender. Eine kontrollierende Führungskraft ist nicht automatisch ein schlechter Mensch. Ein Mensch, der ständig funktioniert, ist nicht automatisch stark oder schwach. Jemand, der hohe Ansprüche an sich hat, braucht nicht automatisch weniger Ehrgeiz. Menschen sind komplizierter. Zum Glück.

Sonst wären ungefähr drei Führungsbücher ausreichend und wir hätten das Thema endgültig erledigt. Deshalb findest du hier auch selten Artikel nach dem Motto:

„Fünf Tricks, mit denen dein Team ab Montag motivierter ist.“

Ich wüsste ehrlich gesagt auch gar nicht, wie ich garantieren sollte, dass Trick Nummer drei bei deinem Team funktioniert. Vielleicht funktioniert er. Vielleicht verdreht dein Team auch geschlossen die Augen. Beides ist möglich.

Ich glaube nicht besonders an Patentrezepte, wenn es um Menschen geht. Ich glaube eher daran, genauer hinzusehen. Was passiert gerade wirklich?

  • Ist ein Mitarbeiter unmotiviert oder hat er nur aufgehört, sich einzubringen, weil seine Ideen regelmäßig abgeschmettert wurden?

  • Ist eine Führungskraft besonders engagiert oder verteilt sie gerade nur ihre eigene Hektik im gesamten Raum?

  • Ist jemand unzufrieden mit seiner Karriere oder verschiebt sich nach jedem Erfolg einfach die eigene Messlatte?

  • Ist ein Team unselbstständig oder hat es über Jahre gelernt, dass sowieso jemand eingreift, sobald es eine eigene Entscheidung trifft?


Solche Unterschiede finde ich spannend. Deshalb richtet sich dieser Blog auch nicht ausschließlich an Küchenchefs oder Menschen aus der Gastronomie. Die Gastronomie ist meine Welt und meine Leidenschaft. Viele meiner Geschichten kommen aus Küchen, Hotels, Restaurants oder aus Situationen, die ich dort erlebt habe aber die Dynamiken dahinter gibt es überall.

In Büros. In Kliniken. In Produktionsbetrieben. In Agenturen. In Familienunternehmen. In kleinen Teams und großen Konzernen. In Schulen. In Universitäten und und und.

Überall dort, wo Menschen zusammenarbeiten, entstehen Erwartungen, Missverständnisse, Vertrauen, Unsicherheit, Ehrgeiz, Enttäuschung, Anerkennung und manchmal eben auch eine erstaunliche Menge unnötiger Hektik. Deshalb glaube ich, dass unterschiedliche Menschen etwas aus diesem Blog mitnehmen können.

Führungskräfte vielleicht einen anderen Blick auf ihr eigenes Verhalten. Mitarbeitende vielleicht Worte für Situationen, die sie schon lange spüren, aber bisher nicht richtig greifen konnten. Menschen mit hohen Ansprüchen an sich selbst vielleicht die eine oder andere unangenehme Frage. Menschen aus Gastronomie und Hotellerie wahrscheinlich gelegentlich den Gedanken: Ja. Genau so einen hatte ich auch.

Vielleicht liest hier auch jemand mit, der mit Führung eigentlich gar nichts am Hut hat und bei einem Text über Perfektionismus, Funktionieren oder das nächste Sprungbrett plötzlich merkt: Verdammt. Das hat gerade ziemlich viel mit mir zu tun. Auch das ist völlig in Ordnung.

Was soll man hier also bekommen?

Keine perfekte Anleitung für Menschen. Die habe ich nicht. Keine Garantie dafür, dass nach drei Coachingfragen sämtliche Probleme verschwinden. Wäre schön. Würde meinen Job vermutlich deutlich einfacher machen.

Was ich anbieten kann, sind Erfahrungen, Beobachtungen und Perspektiven. Situationen, in denen ich selbst irgendwann verstanden habe, dass hinter dem sichtbaren Problem oft noch etwas anderes steckt. Vielleicht findest du hier nicht immer eine fertige Antwort, aber möglicherweise eine bessere Frage.

Das ist für mich inzwischen ein wichtiger Teil von Coaching und Führung geworden.

Nicht zu erklären. Nicht zu bewerten. Zuerst beobachten.

·         Was passiert da gerade?

·         Was macht mein Verhalten mit anderen?

·         Was macht das Verhalten anderer mit mir?

·         Was wiederholt sich?

·         Was übersehe ich vielleicht, weil ich zu sehr mit dem offensichtlichen Problem beschäftigt bin?


Denn viele Dinge beginnen lange bevor wir ihnen einen Namen geben. Innere Kündigung beginnt nicht am Tag der Kündigung. Vertrauen verschwindet nicht mit einem einzigen Gespräch. Engagement wird nicht von heute auf morgen zur Belastung. Menschen hören nicht plötzlich auf, Verantwortung zu übernehmen. Teams werden selten von einer Sekunde auf die andere schlecht. Oft passieren vorher viele kleine Dinge.

Ein Kommentar. Eine Entscheidung. Eine Enttäuschung. Ein Gespräch, das nie geführt wurde. Eine Idee, die zum dritten Mal niemand hören wollte. Ein Mitarbeiter, der einspringt und bei dem irgendwann niemand mehr fragt, ob er überhaupt noch kann. Eine Führungskraft, die glaubt zu helfen und dabei jedes Mal wieder selbst übernimmt.

Für sich genommen wirkt vieles davon klein. Über Monate und Jahre kann daraus etwas sehr Großes werden.

Genau darüber schreibe ich. Über diese kleinen Momente. Über die Dynamiken zwischen Menschen. Über Führung, wenn niemand gerade eine PowerPoint-Präsentation dazu hält. Über Fehler, die ich selbst gemacht habe. Über Situationen, die ich heute anders sehe als damals. Manchmal auch über die Erkenntnis, dass wir Menschen wahrscheinlich nie vollständig verstehen werden. Vielleicht müssen wir das auch gar nicht. Vielleicht reicht es schon, etwas genauer hinzusehen.

Denn ich schreibe nicht über das, was jeder sieht. Ich schreibe über das, was vorher passiert.


 

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