Warum Hektik ansteckender ist als Motivation
Ich glaube, viele Menschen aus den unterschiedlichsten Branchen kennen diese eine Person: Kaum ist sie da, bricht Hektik aus. Sie hat noch nicht richtig angefangen zu arbeiten, aber der Ruhepuls liegt gefühlt schon bei 120. Der eine kommt eine halbe Stunde früher zum Dienst und schafft es trotzdem, bereits beim Umziehen gestresst zu wirken. Der andere läuft, räumt, schneidet, telefoniert und versucht in möglichst kurzer Zeit möglichst viel abzuarbeiten. Vielleicht möchte er Einsatz zeigen. Vielleicht glaubt er, Geschwindigkeit sei automatisch ein Zeichen von Leistung. Vielleicht kann er einfach nicht anders. Was dabei am Ende herauskommt, ist häufig durchaus brauchbar, aber selten richtig gut. Zurück bleibt dafür eine beeindruckende Welle aus Nervosität, Schmutz und Chaos. Überall steht irgendetwas herum. Benutzte Schüsseln stapeln sich, Kaffeetassen tauchen an Orten auf, an denen sie eigentlich nichts verloren haben und irgendwo mittendrin liegt das Handy, das natürlich plötzlich dringend gebraucht und deshalb hektisch gesucht wird.
Ich hatte einmal einen Vorgesetzten, bei dem ich dieses Schauspiel fast täglich beobachten konnte. Er war schnell beim Mise en Place, das muss man ihm lassen. Nur musste man danach häufig noch einmal nacharbeiten. Sein Tempo erzeugte zwar viel Bewegung, aber nicht unbedingt den entsprechenden Output, wie man das heute so schön nennt. Dafür entstanden Fehler, Missverständnisse, Unruhe und zusätzliche Arbeit. Sogar die Spüler wurden von seiner Nervosität angesteckt. Menschen, die vorher ruhig und gewissenhaft ihre Aufgaben erledigt hatten, begannen plötzlich ebenfalls schneller zu laufen, hektischer zu greifen und unkonzentrierter zu arbeiten. Nicht, weil sich das Arbeitspensum verändert hatte. Sondern weil ein Mensch seinen inneren Stress einmal großzügig im gesamten Raum verteilt hatte. Hektik funktioniert manchmal ein bisschen wie eine Grippe. Einer bringt sie mit und kurze Zeit später haben sie alle.
Besonders schwierig wird es für Menschen, die von Natur aus anders mit Druck umgehen. Manche möchten alles möglichst schnell abarbeiten. Hauptsache weg. Hauptsache fertig. Im besten Fall soll das gesamte Team bitte im gleichen Tempo und mit dem gleichen Puls mitziehen. Andere arbeiten lieber gewissenhaft. Sie sortieren ihre Schritte, behalten den Überblick und brauchen vielleicht auf den ersten Blick etwas länger. Erstaunlicherweise sind sie am Ende häufig fast zur gleichen Zeit fertig. Nur ist danach die Küche noch zu erkennen. Das fand ich schon immer faszinierend.
Ich habe mir dieses hektische Arbeiten als Chef de Partie oft angesehen. Manchmal legte ich mein Messer kurz weg und beobachtete, in welchem Chaos ein Mensch arbeiten kann, ohne selbst daran zu verzweifeln. Ich dachte mir häufig:
Ich würde in diesem Gewusel nach fünf Minuten den Überblick verlieren.
Mit den Jahren habe ich bei mir selbst eine andere Entwicklung bemerkt. Je stressiger eine Situation wurde, desto ruhiger wurde ich. Nicht langsam. Nicht teilnahmslos. Ruhiger. Mein Fokus wurde klarer. Meine Gedanken sortierter. Ich wusste, was zuerst erledigt werden musste, was warten konnte und wo das Team gerade Orientierung brauchte. Besonders viel dachte ich mir dabei lange nicht. Für mich war das einfach meine Art zu arbeiten.
Bis mir eines Tages ein Mitarbeiter sagte, wie wichtig genau diese Ruhe für das Team sei. Wenn ich am Pass stehe, gäbe es klare Ansagen. Ich würde Ruhe ausstrahlen und ihnen damit helfen, selbst konzentriert zu bleiben. Ich dachte kurz darüber nach. Ja, kann sein, dass er recht hat.
Wahrscheinlich war mir damals noch nicht bewusst, wie stark Mitarbeitende die Emotionen einer Führungskraft aufnehmen. Bewusst oder unbewusst. Kommt eine Führungskraft nervös in den Raum, beginnt das Team nach Warnsignalen zu suchen. Was ist passiert?
Was haben wir übersehen?
Müssen wir schneller werden?
Droht gerade ein Problem?
Wird hektisch gesprochen, hektisch gelaufen und hektisch korrigiert, entsteht das Gefühl, dass die Lage außer Kontrolle geraten könnte. Dieses Gefühl verbreitet sich schneller als jede Motivation. Menschen reagieren nämlich nicht nur auf ihre Aufgaben. Sie reagieren auch auf die Energie, mit der Führung in den Raum kommt. Das bedeutet nicht, dass Ruhe automatisch gute Führung ist. Wer sich ewig Zeit lässt, keine Entscheidungen trifft und in aller Gelassenheit zusieht, wie der Betrieb untergeht, hilft seinem Team ebenfalls nicht besonders weiter.
Ruhe ist nicht Langsamkeit. Hektik ist nicht Geschwindigkeit. Das wird im Arbeitsalltag gerne verwechselt. Natürlich gibt es in der Gastronomie Situationen, in denen vieles gleichzeitig und vor allem schnell gehen muss. Die Tagungsgruppe kommt 20 Minuten zu spät in die Pause. Im Bankett soll gleichzeitig der Hauptgang geschickt werden. Das À la Carte Geschäft beginnt und als kleine Zugabe kommt plötzlich die Sonne heraus, sodass sich innerhalb weniger Minuten die Terrasse füllt. Das ist kein Moment für eine ausgedehnte Selbstfindungsrunde. Dann muss gehandelt werden. Die entscheidende Frage ist aber, mit welcher Energie man handelt.
Bricht die Führungskraft sofort in Panik aus, verteilt sie nicht nur Aufgaben. Sie verteilt auch ihre Nervosität. Plötzlich wird schneller gesprochen, schlechter zugehört und häufiger aneinander vorbeigearbeitet. Menschen greifen gleichzeitig nach denselben Dingen, vergessen andere und produzieren Fehler, die ohne die Hektik wahrscheinlich gar nicht entstanden wären.
Strahlt eine Führungskraft dagegen trotz des Drucks Ruhe, Sicherheit und Klarheit aus, überträgt sich auch das. Dann wissen Menschen, was zu tun ist. Nicht, weil weniger Arbeit da wäre. Sondern weil niemand zusätzlich Energie darauf verwenden muss, die Nervosität der Führungskraft auszuhalten. Hektik macht ein Team nicht automatisch schneller. Sie sorgt oft nur dafür, dass alle gleichzeitig nervös werden. Ruhe bedeutet auch nicht, dass man weniger Druck wahrnimmt. Sie bedeutet, diesen Druck nicht ungefiltert an alle anderen weiterzugeben.
Für mich ist das eine der unterschätztesten Aufgaben von Führung:
Nicht jede eigene Emotion sofort im gesamten Raum zu verteilen.
Denn ein Team beobachtet nicht nur, was du sagst. Es beobachtet, wie du atmest, wie du sprichst, wie du dich bewegst und wie du reagierst, wenn plötzlich alles gleichzeitig passiert. Manche Führungskräfte bringen in solchen Momenten Klarheit in den Raum. Andere bringen vor allem ihren Puls mit. Beides ist ansteckend. Die Frage ist nur, womit du dein Team infizieren möchtest.





Kommentare