Warum du dich entschuldigst, obwohl du nichts falsch gemacht hast, und was das über dein Arbeitsumfeld verrät
Wir kommen jetzt mal zum Klassiker in Sachen Entschuldigen. Du stehst an der Kasse und willst gerade etwas kaufen. Plötzlich rempelt dich jemand an. Und was machst du? Du entschuldigst dich. Im selben Moment denkst du dir vielleicht: Häää? Warum entschuldige ich mich eigentlich gerade? Dasselbe passiert doch auch im Job. Du bist krank, bleibst daheim und fällst ein paar Tage aus. Und trotzdem entschuldigst du dich dafür. Oder es ist mal wieder Not am Mann, aber du hast an dem Tag einfach schon etwas vor. „Entschuldigung, ich kann nicht.“ Oder der nächste Klassiker: „Entschuldigung, aber ich muss heute pünktlich Feierabend machen.“ Und da kommt doch irgendwann automatisch die Frage hoch: Warum entschuldigt man sich für Dinge, für die man gar nichts kann?
Ist es Anstand? Ist es Reue? Oder liegt es vielleicht an etwas ganz anderem? Vielleicht kommen dir diese Gedanken bekannt vor:
„Jetzt denken die bestimmt …“
„Nicht, dass die sauer sind …“
„Ich will keinen Stress …“
„Ich will nicht egoistisch wirken …“
Oberflächlich wirkt so eine „Entschuldigung“ oft wie Anstand. Vielleicht auch wie Friedenssicherung. Einfach kein Ärger, keine Diskussion, keine Konsequenzen. Aber wenn man tiefer hinschaut, passiert da noch etwas anderes. Denn jedes Mal, wenn du dich für etwas entschuldigst, das eigentlich völlig legitim ist, passiert innerlich etwas mit dir. - Es kratzt an deinem Selbstwert. - Es kratzt an deinem Selbstbewusstsein. - Es kratzt an deiner eigenen Autorität.
Und jetzt kommt der unangenehme Teil: Diesen Angriff startest du selbst.
Genau solche Entschuldigungen sagen übrigens auch einiges über dein Umfeld aus, vor allem über dein Arbeitsumfeld. Frag dich mal ehrlich, warum ist das dein erster Reflex?
· Ist Druck schon Normalität geworden?
· Wird deine freie Zeit und deine Verfügbarkeit einfach erwartet?
· Ist Rücksicht nur noch eine Einbahnstraße?
· Hat man irgendwann gelernt, lieber klein und still zu bleiben?
Ich hatte irgendwann so einen kleinen Wendepunkt, bei dem ich genau das verstanden habe. Die Geschichte klingt erstmal banal, aber sie hat bei mir echt etwas ausgelöst.
Ich stand in der Arbeit am Kaffeeautomaten, dem Elixier für Gastronomen. Irgendetwas hat an der Maschine nicht gepasst. Die Milch hat sich einen neuen Weg aus der Maschine gesucht. Ich mache einen Schritt nach hinten und steige meinem Direktor voll auf seine italienischen Halbschuhe. Ich drehe mich um und wollte schon sagen: „Entschul…“ Und genau in dem Moment dachte ich mir: Moment mal. Ich hab gerade gar nichts falsch gemacht. Was rückt mir der Typ auch so auf die Pelle? Es war genug Platz da für eine ganze Fußballmannschaft. Aus dem „Entschul…“ wurde dann ein: „Hoppala, haben wir ein Date oder warum rücken Sie so nah an mich ran?“ Gut, der Wortlaut war echt, aber im Nachhinein vielleicht nicht ganz diplomatisch. Aber innerlich ist in dem Moment etwas Interessantes passiert. Ich habe gemerkt, dass ich mich sofort als den „Täter“ gesehen habe, obwohl ich es gar nicht war. Genau da hat es bei mir angefangen. Ich habe mich plötzlich bewusst gefragt, warum Menschen sich eigentlich ständig für Dinge entschuldigen, für die sie überhaupt nichts falsch gemacht haben. Vielleicht ist dieses ständige Entschuldigen gar kein Zeichen von Höflichkeit. Vielleicht ist es eher ein Zeichen dafür, wie sehr man sich schon angepasst hat.
Mir ist klar geworden, wie schleichend und unbewusst man sich manchmal einer Etikette beugt, ohne überhaupt noch zu wissen, warum. Das hat viel in meinem Denken verändert. Vor allem darin, wie Teams funktionieren und was mit den Menschen dahinter passiert. Viele verstecken ihre Authentizität. Viele werden leiser. Viele formen mit der Zeit eine schlechte Kopie von sich selbst, nur um möglichst ohne Reibung und Konflikte durch den Alltag zu kommen. Und genau da wird es spannend. Denn vielleicht ist die eigentliche Frage nicht, warum du dich entschuldigst. Sondern: Seit wann glaubst du eigentlich, dass du dich für dein normales Menschsein entschuldigen musst?
Genau an diesem Punkt wird Coaching spannend. Nicht, weil dir jemand sagt, wie du dich verhalten sollst. Sondern weil man gemeinsam sichtbar macht, was im Alltag oft automatisch abläuft. Diese kleinen Reflexe. Diese schnellen Entschuldigungen. Dieses ständige innere Kleinmachen, obwohl du objektiv gar nichts falsch gemacht hast. Im Coaching schauen wir genau hin: Woher kommt dieser Reflex? Wann springt er an? Und vor allem: Ist das wirklich deine Haltung oder nur ein Verhalten, das du dir im System angewöhnt hast? Denn erst wenn du das erkennst, bekommst du wieder die Freiheit, bewusst zu entscheiden. Nicht automatisch. Nicht aus Angst vor Reibung. Sondern aus Klarheit.
Vielleicht musst du nicht lernen, dich mehr durchzusetzen. Vielleicht musst du erst einmal aufhören, dich für Dinge zu entschuldigen, für die du nie Schuld getragen hast. Denn jedes unnötige „Entschuldigung“ macht dich ein Stück kleiner. Irgendwann ist nicht mehr die Frage, ob du höflich bist. Sondern ob du dich im Alltag so sehr angepasst hast, dass von dir selbst nur noch eine leise Version übrig ist.





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