Wenn Engagement plötzlich zur Belastung wird
Es ist eine harte Überschrift. Und trotzdem steckt ein bittersüßer Kern darin. Ich glaube, fast jeder hat das schon einmal erlebt. Vielleicht bei sich selbst oder bei anderen. Gerade wenn man neu in einem Unternehmen anfängt, gibt man oft mehr als eigentlich nötig wäre. Man möchte zeigen, was man kann. Man möchte einen guten Eindruck hinterlassen. Vielleicht gab es vorher einen Anschiss vom Chef. Vielleicht taucht plötzlich ein neuer Kollege auf, den man als Konkurrenz empfindet. Vielleicht hofft man auf eine Beförderung oder einfach nur auf ein ehrliches „Gut gemacht“. Die Gründe sind unterschiedlich. Das Ergebnis ist oft dasselbe: Man gibt jeden Tag ein bisschen mehr.
Man bleibt länger. Man springt ein. Man übernimmt zusätzliche Aufgaben. Man denkt mit. Man löst Probleme, bevor sie überhaupt entstehen. Man geht die berühmte Extrameile. Am Anfang fühlt sich das sogar gut an. Man wird gebraucht, bekommt Verantwortung und merkt, dass einem vertraut wird. Es ist ein schönes Gefühl. Doch genau hier beginnt eine Dynamik, über die kaum jemand spricht.
Dauerhaftes Engagement verändert nicht nur dich. Es verändert auch die Erwartungen der anderen.
Am Anfang ist dein Einsatz etwas Besonderes. Mit der Zeit wird er selbstverständlich. Niemand spricht es aus. Niemand setzt sich hin und beschließt, dass du ab morgen immer 120 Prozent leisten sollst. Es passiert einfach. Nicht aus Bosheit. Sondern aus Gewöhnung. Ich glaube nämlich gar nicht, dass Menschen Engagement bewusst ausnutzen. Sie gewöhnen sich einfach daran. Heute springst du ein. Morgen wieder. Nächste Woche auch. Und irgendwann heißt es ganz selbstverständlich: „Der macht das schon.“ Aus einer freiwilligen Entscheidung wird langsam eine unausgesprochene Erwartung. Genau dort beginnt Engagement häufig zur Belastung zu werden.
Das Gefährliche daran ist, dass die meisten diesen Moment gar nicht bemerken. Auch ich habe es damals nicht bemerkt. Man funktioniert einfach weiter. Nicht mehr aus Freude, sondern weil man glaubt, dass es inzwischen von einem erwartet wird. Vielleicht steckt dahinter der Wunsch nach Anerkennung. Vielleicht die Angst, jemanden zu enttäuschen. Vielleicht Ehrgeiz oder die Sorge, nicht mehr gut genug zu sein. Vielleicht möchte man einfach zeigen, was man kann. Die Gründe sind unterschiedlich.
Die Dynamik dahinter ist oft dieselbe. Aus einem inneren Antrieb wird langsam ein innerer Druck.
Ich kenne diese Entwicklung selbst sehr gut. Während einer Wintersaison arbeitete ich als Tournant. Einen Frühstückskoch gab es nicht, also machte ich das Frühstück. Danach vertrat ich den Chef de Partie an seinem freien Tag. Zwischendurch Mise en Place für den Mittag, Vorbereitung für den Abendservice, Mise en Place für den nächsten Morgen. Eigentlich war ich ständig irgendwo im Einsatz. Am Anfang war das für mich völlig in Ordnung. Es war schließlich meine Aufgabe und ich wollte meinen Beitrag leisten. Nach einigen Monaten merkte ich allerdings, dass meine Energie langsam verschwand.
Ich bin damals gar nicht in das Gespräch gegangen, weil ich weniger arbeiten wollte. Ich wollte einfach, dass jemand sieht, was da gerade passiert.
Also suchte ich das Gespräch. Nicht, um mich zu beschweren. Nicht, weil ich keine Lust mehr hatte. Ich wollte einfach wieder Luft bekommen. Die Antwort war kurz und ehrlich: „Das ist dein Job. Beschwer dich nicht.“ Die Saison war ohnehin fast vorbei. Doch der eigentliche Tiefpunkt kam erst danach. Überstunden und Guttage wurden von der Geschäftsführung einfach gestrichen. Ich erinnere mich noch gut an dieses Gefühl. Nicht wegen der Stunden. Sondern wegen der Erkenntnis. Du gibst alles. Und irgendwann wird genau dieses Alles einfach vorausgesetzt.
Mit etwas Abstand sehe ich diese Geschichte heute anders. Ich glaube nicht, dass mich damals jemand bewusst ausnutzen wollte. Vielmehr hatte sich mein Engagement langsam zur Normalität entwickelt. Und genau das ist die eigentliche Gefahr. Nicht die Mehrarbeit. Sondern die Gewöhnung daran. Was einmal freiwillig war, wird irgendwann als selbstverständlich angesehen. Ohne dass jemand darüber spricht.
Als Coach beschäftigt mich deshalb heute eine andere Frage:
Wer trägt in deinem Team gerade mehr, als alle anderen überhaupt wahrnehmen?
Denn genau diese Menschen sagen oft am längsten nichts. Sie funktionieren. Sie springen ein. Sie gleichen Lücken aus. Sie halten den Laden zusammen. Und gerade deshalb übersieht man sie häufig. Bis irgendwann nichts mehr zum Ausgleichen da ist.
Genau an diesem Punkt wird Coaching spannend. Denn häufig geht es gar nicht darum, engagierte Menschen zu bremsen. Es geht darum, die Dynamiken sichtbar zu machen, die aus gesundem Einsatz langsam Überforderung entstehen lassen. In meinen Coachings schauen wir deshalb nicht nur auf Arbeitsbelastung. Wir schauen auf Erwartungen. Welche Erwartungen hat das Team? Welche hat die Führungskraft? Und welche hast du selbst an dich? Denn genau dort entstehen viele Probleme, lange bevor jemand erschöpft ist oder innerlich kündigt.
Vielleicht musst du gar nicht weniger leisten. Vielleicht solltest du dir zuerst eine andere Frage stellen: Leiste ich das gerade aus Überzeugung oder nur noch, weil ich glaube, dass es inzwischen von mir erwartet wird?
Denn am Anfang gibst du 120 Prozent, weil du willst. Am Ende glaubst du, du musst. Und genau zwischen diesen beiden Gedanken entscheidet sich, ob Engagement gesund bleibt oder zur Belastung wird.





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