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Warum Loslassen schwerer ist als Anpacken

bkiffner
4. Aug.
5 Min. Lesezeit

Anpacken lernen wir in der Gastronomie ziemlich schnell. Meistens schon in den ersten Tagen und Wochen. Ich erinnere mich noch an einen Grundsatz, den ich gleich zu Beginn meiner Ausbildung mitbekommen habe und an den ich mich bis heute halte: „Geh nie mit leeren Händen. Es gibt immer etwas, das weggebracht, aufgeräumt oder an seinen Platz gestellt werden muss.“

Dieser Satz hat mir viel beigebracht. Mitdenken. Verantwortung übernehmen. Nicht darauf warten, dass mir jemand jede Kleinigkeit erklärt. Sehen, was gerade gebraucht wird, und es erledigen. Ein sehr guter Grundsatz. Das Problem war nur, dass ich ihn irgendwann offenbar auch auf Probleme, Mitarbeitende, Verantwortung und gefühlt den gesamten Betrieb übertragen habe. Wenn etwas nicht läuft, regelt man es selbst. Wenn jemand ausfällt, springt man ein. Wenn etwas nicht richtig erledigt wird, macht man es eben noch einmal. Wenn jemand eine Aufgabe anders erledigt als man selbst, steht man am besten direkt daneben und schaut so „interessiert“ zu, dass es schon wieder Kontrolle ist.

Aus der eigenen Sicht funktioniert das hervorragend. Du bekommst das Ergebnis, dass du möchtest. Du weißt, dass die Aufgabe erledigt wird. Du musst nicht darauf hoffen, dass jemand anderes es genauso sorgfältig macht wie du. Das gibt Sicherheit. Für dich vielleicht. Zumindest für den Moment. Denn wer immer selbst anpackt, erfährt nie, ob andere es ebenfalls geschafft hätten. Auch ich habe Aufgaben delegiert und danach trotzdem jeden Schritt beobachtet. Sobald jemand einen anderen Weg nahm als den, den ich vorgesehen hatte, wurde ich unruhig. Ich kontrollierte stärker, gab noch eine kleine Zusatzanweisung, dann noch eine und griff im Zweifel direkt selbst ein. Natürlich nur, um zu helfen. Zumindest habe ich das gedacht. Nicht unbedingt, weil das Ergebnis schlecht gewesen wäre. Oft war lediglich der Weg ein anderer. Andere Wege sind für Menschen mit Kontrollbedürfnis ungefähr so entspannend wie ein Küchenbrand am Ostersonntag.

Ich hielt meine Vorgehensweise lange für die sicherste und manchmal wahrscheinlich auch für die einzig richtige. Schließlich hatte ich es ja so gelernt. Damit gab ich zwar Aufgaben ab, aber nicht wirklich die Verantwortung. Ich sagte sinngemäß: Mach du das. Aber bitte genau so, wie ich es machen würde. Am besten in meiner Geschwindigkeit, mit meiner Technik und möglichst mit meinen Gedanken. Warte, ich gebe dir schnell meinen Kopf. Das ist natürlich keine Delegation. Das ist ferngesteuertes Arbeiten mit menschlichem Zubehör. Zum Glück kam irgendwann die Erkenntnis, dass es unterschiedlichste Wege gibt, um zu einem guten Ergebnis zu gelangen. Noch schlimmer für das eigene Ego: Manche Wege sind sogar viel einfacher und effizienter. Manche schneller und gründlicher. Manche kreativer und führen zu einem besseren Ergebnis. Manche sind schlicht besser als der eigene.

Wenn man andere wirklich machen lässt, lernt man selbst plötzlich neue Techniken, Denkweisen und Herangehensweisen kennen. Man erkennt, dass die eigene Vorstellung nicht automatisch die einzig vernünftige ist, nur weil sie schon seit Jahren im eigenen Kopf wohnt. Das ist doch ein ziemlich guter Bonus, wenn man wirklich loslassen und anderen vertrauen möchte. Heute weiß ich, dass Delegieren nicht bedeutet, jemandem Arbeit zuzuschieben und anschließend darauf zu warten, dass sie exakt so ausgeführt wird, wie man es selbst gemacht hätte. Delegieren bedeutet, andere Wege nicht nur auszuhalten, sondern auch von ihnen lernen zu können. Genau dort beginnt die eigentliche Schwierigkeit. Man muss seinen Mitarbeitenden vertrauen können. Nicht blind und nicht grenzenlos.

Vertrauen bedeutet nicht, dass man morgens den Schlüssel auf den Tisch wirft, sich verabschiedet und hofft, dass der Laden abends noch steht. Es bedeutet auch nicht, dass Fehler plötzlich egal sind oder eine Führungskraft ihre Verantwortung einfach weiterreicht. Es bedeutet für mich, einen klaren Rahmen zu setzen und innerhalb dieses Rahmens zuzulassen, dass andere Menschen selbst denken, entscheiden und Erfahrungen sammeln. Das klingt eigentlich selbstverständlich. Mir fiel es trotzdem nicht immer leicht. Wenn man über viele Jahre gelernt hat, dass man Probleme selbst löst, sendet der eigene Kopf irgendwann sehr schnell eine Botschaft: Ohne mich klappt es nicht.

Dieses Gefühl kann unglaublich überzeugend sein. Vor allem dann, wenn man häufig eingesprungen ist, Fehler ausgebessert und Situationen gerettet hat. Irgendwann hält man sich nicht mehr nur für wichtig. Man hält sich für die betriebliche Feuerwehr, den Notstromgenerator und die letzte Hoffnung vor dem Untergang in einer Person. Dieses Signal stimmt erstaunlich oft nicht. Oft genug klappt es auch ohne dich. Vielleicht anders. Vielleicht langsamer. Vielleicht nicht sofort perfekt. Vielleicht aber auch viel besser, als du es selbst hinbekommen hättest. Ja, dieser Gedanke kratzt manchmal ein wenig am Ego. Aber es klappt!

Wer diesem Gedanken keinen Raum gibt, bleibt unnötig lange im Betrieb, macht unnötige Überstunden und kontrolliert Aufgaben, die andere längst selbst erledigen könnten. Man steht daneben, beobachtet, korrigiert und nennt es Verantwortung. In Wahrheit ist es manchmal einfach Angst vor Kontrollverlust mit einem Führungstitel. Und diese Angst trifft nicht nur dich. Sie trifft vor allem dein Team. Man möchte unterstützen und nimmt den Menschen dabei die Möglichkeit, selbst eine Lösung zu finden. Man möchte Fehler verhindern und verhindert gleichzeitig Entwicklung. Man möchte Verantwortung übernehmen und sorgt unbewusst dafür, dass andere immer weniger Verantwortung übernehmen können.

Denn Mitarbeitende können nur dann selbstständig werden, wenn sie auch selbstständig handeln dürfen. Sie müssen Entscheidungen treffen können, deren Ausgang noch nicht vollständig feststeht. Sie müssen Fehler machen dürfen, die man selbst vielleicht vermieden hätte. Und sie müssen erleben, dass sie schwierige Situationen auch ohne ständiges Eingreifen bewältigen können. Greift eine Führungskraft jedes Mal sofort ein, lernen Mitarbeitende nicht, wo ihre eigenen Grenzen liegen. Sie lernen nur, wann die Führungskraft übernimmt.

Dann entsteht ein ziemlich perfider Kreislauf. Die Führungskraft greift ein, weil das Team unsicher wirkt. Das Team bleibt unsicher, weil die Führungskraft immer wieder eingreift. Anschließend fühlt sich die Führungskraft darin bestätigt, dass es ohne sie tatsächlich nicht funktioniert. Ein wunderbar selbst gebautes Problem. Man schafft die Abhängigkeit, unter der man später selbst leidet. Man steht sich dabei nicht nur selbst im Weg. Man steht vor allem anderen Menschen im Weg. Man nimmt ihnen die Möglichkeit, Erfahrungen zu sammeln, Fehler auszuhalten, Lösungen zu entwickeln und besser zu werden.

Wenn man das so liest, ist es eigentlich ziemlich unfair. Man beschwert sich darüber, dass niemand Verantwortung übernimmt, zieht gleichzeitig jede Verantwortung wieder an sich, sobald jemand damit losläuft. Je häufiger sich dieser Kreislauf wiederholt, desto abhängiger wird alles von einer einzigen Person. Und desto schwieriger wird es, irgendwann loszulassen. Das ist die paradoxe Seite des Anpackens. Es fühlt sich nach Verantwortung an. Es sieht nach Einsatz aus. Es wird häufig sogar bewundert. Es kann aber auch dazu führen, dass Verantwortung immer stärker an einer Person hängen bleibt, während alle anderen lernen, besser erst einmal zu warten.

Anpacken ist deshalb nicht das Problem. Ich halte es weiterhin für eine wichtige Stärke. Gerade in der Gastronomie gibt es genügend Momente, in denen langes Diskutieren nicht weiterhilft und jemand handeln muss. Wenn der Bondrucker klingt wie ein Maschinengewehr, braucht niemand zuerst einen Stuhlkreis. Dann wird angepackt. Schwierig wird es erst, wenn Anpacken zur einzigen Antwort wird. Wenn wir nicht mehr unterscheiden, ob unser Eingreifen gerade wirklich nötig ist oder ob wir nur unruhig werden, weil jemand einen anderen Weg geht. Wenn wir nicht mehr helfen, weil Unterstützung gebraucht wird, sondern weil wir die Kontrolle nicht abgeben können. Wenn wir beginnen, unsere eigene Unersetzlichkeit für gute Führung zu halten.

Ich habe lange geglaubt, Loslassen bedeute, weniger Verantwortung zu übernehmen. Heute sehe ich es anders. Loslassen bedeutet nicht, dass mir das Ergebnis egal ist. Es bedeutet, nicht mehr jeden Schritt selbst bestimmen zu müssen. Es bedeutet, einen klaren Rahmen zu schaffen, Verantwortung wirklich abzugeben und dann nicht nach drei Minuten wieder daneben zu stehen. Es bedeutet auch, auszuhalten, dass andere Menschen etwas anders machen. Manchmal sogar besser.

Vielleicht beginnt Loslassen deshalb gar nicht damit, weniger anzupacken. Vielleicht beginnt es mit der ehrlichen Frage: Muss ich gerade wirklich eingreifen oder halte ich es nur schwer aus, dass es auch ohne mich gehen könnte?


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