Wenn jeder Erfolg nur das nächste Sprungbrett wird
Eigentlich ist der Weg doch ziemlich klar. Man macht im besten Fall seinen Schulabschluss, beginnt eine Ausbildung oder ein Studium, sammelt Erfahrung und arbeitet sich Schritt für Schritt weiter. Irgendwann hat man etwas geschafft, auf das man stolz sein könnte. Dann steht man da und fragt sich: Was jetzt? Bilde ich mich weiter? Lerne ich noch etwas Neues? Bleibe ich in meinem Beruf? Wechsle ich den Betrieb? Ziehe ich in eine andere Stadt oder sogar ins Ausland? Reicht mir das, was ich erreicht habe, oder muss da noch mehr kommen?
Solche Fragen tauchen nicht nur in jungen Jahren auf. Auch später gibt es Momente, in denen man sich fragt, ob man den bisherigen Weg wirklich bis zum Ende weitergehen möchte. Manchmal ist man unzufrieden. Manchmal fehlt einem der Sinn. Vielleicht hat man ein Ziel erreicht und merkt, dass es sich anders anfühlt als erwartet. Vielleicht sucht man eine neue Herausforderung, möchte sich selbst noch einmal beweisen oder spürt einfach, dass Veränderung notwendig ist.
All das kann ein guter Grund sein, etwas Neues zu beginnen.Doch es gibt noch einen anderen Grund, den viele Menschen und auch ich selbst lange nicht wirklich auf dem Schirm hatten:
• Vielleicht sind es die eigenen Ansprüche, die einen immer weitertreiben.
• Vielleicht ist nicht das bisher Erreichte zu wenig.
• Vielleicht darf es innerlich nur nie genug sein.
Wenn ich auf meinen eigenen Weg zurückblicke, erkenne ich dieses Muster ziemlich deutlich. Ich habe meine Ausbildung abgeschlossen und bin mit 18 Jahren nach Österreich gezogen. Damals war das für mich ein riesiger Schritt. Eine neue Umgebung, neue Menschen, andere Abläufe und eine Mentalität, die ich erst einmal kennenlernen musste.Ich habe mich dort einige Jahre durchgekämpft, viel gelernt und bin später wieder nach München zurückgekehrt.
Danach machte ich meinen Meister. Ich lernte, arbeitete und bestand schließlich die Prüfung. Der Meisterbrief war da!
War ich zufrieden mit meiner Leistung? Eher nicht. Ich war vor allem erleichtert, dass die Zeit des Lernens vorbei war. Eigentlich hätte ich stolz sein können. Der Abschluss war geschafft. Ein Ziel, für das ich viel Zeit und Energie investiert hatte, war erreicht. Doch statt diesen Erfolg wirklich wahrzunehmen, begann in meinem Kopf ziemlich schnell die nächste Runde.
War das jetzt alles? Nur Meister sein? Da musste doch noch mehr gehen.
Der Meisterbrief, der vorher ein großes Ziel gewesen war, wurde innerhalb kurzer Zeit zu meinem neuen Mindeststandard. Ich hatte ihn erreicht und behandelte ihn innerlich beinahe so, als wäre er schon immer da gewesen. Also ging es wieder ins Ausland. Schließlich hatte ich bereits Erfahrung damit, wegzuziehen, mich in einer neuen Stadt zurechtzufinden und andere Mentalitäten kennenzulernen. Anfangs war das erneut eine große Herausforderung. Neue Erwartungen, neue Verantwortung, neue Möglichkeiten. Ich fand das gut. Ich legte die Messlatte höher, erfüllte neue Anforderungen und rief mehr Leistung ab. Ich lernte, entwickelte mich und übernahm immer mehr Verantwortung. Doch nach einiger Zeit tauchte sie wieder auf.
Diese eine Frage: Was nun?
Wieder war ich nicht richtig zufrieden. Wieder wurde das, was vorher eine große Herausforderung gewesen war, plötzlich zum Normalzustand. Der Erfolg war kaum angekommen, da wurde er bereits zum Ausgangspunkt für den nächsten Schritt im Geiste umgebaut. Ich habe meine Erfolge selten lange genossen. Ich habe sie meistens direkt zum nächsten Sprungbrett gemacht.
Das kann eine enorme Kraft entwickeln. Ohne diesen Drang hätte ich vermutlich viele Entscheidungen nicht getroffen. Ich wäre vielleicht nicht ins Ausland gegangen, hätte meinen Meister nicht gemacht, nicht so viele unterschiedliche Betriebe kennengelernt und mich beruflich nicht so stark entwickelt.
Unzufriedenheit kann uns bewegen. Sie kann uns mutig machen, uns aus vertrauten Situationen herausholen und uns zeigen, wozu wir fähig sind. Sie hat aber auch eine zweite Seite.
Denn wenn jedes erreichte Ziel sofort zum neuen Mindeststandard wird, verliert Erfolg seinen Wert. Dann ist man vielleicht für einen kurzen Moment erleichtert, aber kaum wirklich zufrieden. Die Spannung fällt ab. Die Prüfung ist vorbei. Das Projekt ist abgeschlossen. Die neue Position erreicht. Statt Stolz bleibt manchmal eine Leere oder erneut die Frage: Was kommt als Nächstes?
Das kann sich fast suchähnlich anfühlen. Das nächste Ziel verspricht wieder Spannung, Anerkennung, Entwicklung und das Gefühl, voranzukommen. Man hat wieder etwas, worauf man hinarbeiten kann. Einen neuen Berg, den man besteigen möchte. Nur bleibt oben kaum Zeit, die Aussicht zu genießen oder eine wohlverdiente Pause auf der Almhütte machen. Man sucht bereits den nächsten Berg.
Vielleicht jagen wir manchmal gar nicht dem nächsten Ziel hinterher. Vielleicht jagen wir dem Gefühl hinterher, endlich angekommen zu sein. Wir hoffen, dass der nächste Abschluss, die nächste Position, das nächste Projekt oder der nächste berufliche Wechsel uns endlich das Gefühl gibt:
Jetzt reicht es.
Jetzt habe ich genug geleistet.
Jetzt darf ich zufrieden sein.
Doch dieses Ankommen verschiebt sich immer weiter nach hinten. Ankommen bedeutet für mich nicht, keine Ziele mehr zu haben. Es bedeutet, das Erreichte überhaupt wahrnehmen zu können.
Das liegt auch daran, dass unser innerer Maßstab mit jedem Erfolg wächst. Wir vergleichen uns nicht nur mit anderen. Wir vergleichen uns mit einer idealen Version von uns selbst.
Diese Version ist nie müde. Sie kennt keine Zweifel. Sie macht keine Fehler. Sie lernt ständig dazu, verdient mehr, trägt mehr Verantwortung und ist beruflich natürlich vollkommen erfüllt. Nebenbei hat sie ihr Privatleben perfekt im Griff und weiß zu jeder Zeit ganz genau, wohin die Reise geht.
Gegen diesen Menschen kannst du nur verlieren. Nicht, weil deine Leistung zu klein ist. Sondern weil dieser Mensch überhaupt nicht existiert.
Ich wurde nach meinen Erfolgen nicht schlechter. Meine innere Messlatte wurde nur jedes Mal wieder ein Stück höher gelegt. Das Problem ist deshalb nicht, dass wir neue Ziele haben. Es ist auch nichts falsch daran, sich weiterentwickeln zu wollen. Neugier, Ehrgeiz und der Wunsch nach Veränderung können ein Leben bereichern. Schwierig wird es erst, wenn wir das bisher Erreichte jedes Mal entwerten, sobald das nächste Ziel auftaucht. Wenn aus einem großen Erfolg innerhalb weniger Tage etwas Selbstverständliches wird. Wenn wir nicht mehr sagen können:
Das habe ich gut gemacht.
Sondern nur noch: Das musste ich ja schaffen.
Als Coach begegnet mir dieses Muster immer wieder. Menschen erzählen von dem, was sie erreicht haben, und springen im nächsten Satz direkt zu dem, was noch fehlt. Ein Abschluss wird in wenigen Worten abgehakt. Eine berufliche Veränderung war angeblich selbstverständlich. Ein schwieriges Projekt hätte natürlich noch besser laufen können. Die eigenen Erfolge bekommen kaum Platz. Deshalb helfen manchmal drei einfache Fragen:
• Was habe ich erreicht, das früher einmal ein großes Ziel für mich war?
• Kann ich dieses Ergebnis anerkennen, ohne es sofort mit meinem nächsten Ziel zu vergleichen?
• Möchte ich wirklich weiter oder halte ich es nur schwer aus, einen Moment stehen zu bleiben?
Hinter dieser letzten Frage steckt für mich noch eine viel persönlichere:
• Bin ich auch genug, wenn ich gerade nichts Neues erreiche?
Diese Frage kann unangenehm sein. Gerade für Menschen, die ihren Wert lange über Leistung, Entwicklung oder Verantwortung gespürt haben. Denn Stillstand fühlt sich dann nicht nach Ruhe an. Er fühlt sich schnell nach Rückschritt an.
Dabei ist eine Pause zwischen zwei Zielen kein Rückschritt. Sie ist vielleicht genau der Moment, in dem man überhaupt erst erkennen kann, wie weit man schon gekommen ist.
Ich möchte mir auch weiterhin Ziele setzen. Ich möchte lernen, mich entwickeln und neue Dinge ausprobieren. Dafür bin ich zu neugierig und wahrscheinlich auch zu schnell gelangweilt.
Aber ich möchte nicht mehr jeden Erfolg sofort entwerten, nur weil bereits die nächste Idee an die Tür klopft. Vielleicht müssen wir nicht aufhören, nach dem nächsten Sprungbrett zu suchen. Vielleicht dürfen wir nur lernen, einen Moment darauf stehen zu bleiben.
Nicht, um uns dort für immer einzurichten. Sondern um anzuerkennen, wie weit wir bereits gekommen sind.





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