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Wenn gute Arbeit nie gut genug ist

bkiffner
11. Aug.
5 Min. Lesezeit

Perfektionismus hat doch eigentlich etwas Gutes. Man versucht, die Brunoise noch gleichmäßiger zu schneiden, die Soße noch glänzender zu bekommen, den Service noch eine Spur aufmerksamer zu gestalten und die Zimmer so auf Hochglanz zu bringen, dass selbst das kleinste Staubkorn merkt, dass es hier heute schlechte Karten hat. Alles für den Gast. Hohe Ansprüche an sich selbst, Sorgfalt, Berufsstolz und der Wunsch, eine wirklich gute Leistung abzuliefern, sind gerade in der Gastronomie wertvolle Eigenschaften. Ohne diesen Anspruch gäbe es viele besondere Erlebnisse wahrscheinlich gar nicht. Doch irgendwann kann etwas kippen. Dann reicht auch ein sehr gutes Ergebnis nicht mehr. Der schönste Erfolg wird kleingeredet. Hier hätte noch etwas besser sein können. Dort hätte man aufmerksamer reagieren müssen. Die Soße hätte noch ein wenig mehr glänzen können. Der Teller vielleicht noch einen Tick klarer wirken. Irgendwo findet sich garantiert eine Kleinigkeit, mit der man sich den eigenen Erfolg noch schnell madig machen kann.

Da kommt ein Lob vom Chef, von Kollegen oder sogar direkt vom Gast und statt es einfach einmal anzunehmen, beginnt im Kopf sofort die interne Qualitätskontrolle: „Ja, aber …“ Diese beiden Worte haben schon so manchen schönen Moment innerhalb weniger Sekunden fachgerecht zerlegt.

Ich erinnere mich noch an ein Menü für etwa 15 Personen. Ein hochrangiger Vorstand war gemeinsam mit einer politischen Delegation aus Fernost zu Gast. Nach dem Essen kamen Gäste zu mir und erzählten begeistert, dass der Zwischengang fantastisch gewesen sei. So etwas hätten sie vorher noch nie gesehen. Eigentlich ein Moment, den man einfach hätte genießen können. Meine Antwort war sinngemäß: „Ja, aber das und das hätte ich noch besser machen können.“ Bla, bla, bla. Da stehen Menschen vor dir, loben dein Essen in den höchsten Tönen und du erklärst ihnen erst einmal, warum sie mit ihrer Begeisterung vielleicht etwas vorsichtiger sein sollten. Aus heutiger Sicht ist das schon fast absurd. Ein kleiner Fehler oder eine vermeintliche Schwäche wog in meinem Kopf oft schwerer als zehn Komplimente. Vielleicht sogar schwerer als tausend Lobeshymnen. Ich habe mir selbst nur selten erlaubt, wirklich zufrieden zu sein.


Heute, einige Jahre später, frage ich mich: Warum kippt der Wunsch nach Qualität manchmal so schnell in Selbstkritik? Ich glaube inzwischen, dass Perfektionismus nicht immer nur darauf abzielt, etwas perfekt zu machen. Manchmal versucht er, uns vor etwas zu schützen. Vor Kritik.

Vor Ablehnung.

Vor dem Gefühl, versagt zu haben.

Vor der Angst, nicht gut genug zu sein. Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass jeder hohe Anspruch automatisch aus Angst entsteht. Berufsstolz ist keine Krankheit. Sorgfalt ist kein Problem. Qualität abzuliefern, Verantwortung zu übernehmen und die eigene Arbeit ernst zu nehmen, sind wertvolle Eigenschaften. Problematisch wird es meiner Erfahrung nach dann, wenn „gut“ innerlich nicht mehr vorkommt. Wenn „sehr gut“ nicht mehr ankommt. Wenn Lob sofort relativiert wird und im eigenen Kopf nur noch ein Satz übrig bleibt: „Nicht gut genug.“

Ich glaube, bei mir gab es einige Situationen, die dieses Muster verstärkt haben. Eine davon ist mir bis heute besonders im Gedächtnis geblieben.

Ich war Chef de Partie in einem Vier Sterne Hotel. An diesem Abend hatten wir ein Bankett mit Menü. Der Direktor war bereits nach Hause gegangen. Küchenchef und Sous Chef waren, wie so oft am Abend, nicht mehr da. Die Verantwortung für die Küche lag bei mir. Als Hauptgang gab es unter anderem Rotbarbe. Ich schickte den Fisch so, wie ich ihn für richtig hielt: glasig gegart. Einige Gäste sahen das anders. Für sie war der Fisch roh. Auch der stellvertretende Restaurantleiter, mit dem mein Verhältnis ohnehin nicht gerade von tiefer gegenseitiger Zuneigung geprägt war, bewertete ihn als roh. Es entstand eine größere Beschwerde.Ich kann verstehen, dass Gäste einen Fisch anders gegart erwarten. Ich hatte eine andere Einschätzung und trotzdem war klar: Es gab ein Problem. Also versuchte ich, den Fehler so gut es ging auszubügeln und den Abend zu retten. Am nächsten Morgen kam in den Betrieb. Ich war gefühlt noch nicht einmal richtig durch die Tür, da herrschte schon eine Aufregung, die auf keine Kuhhaut passte. Mein Küchenchef war außer sich. Der Sous Chef stimmte direkt mit ein. Der stellvertretende Restaurantleiter hatte morgens bereits den Direktor angerufen und seine Sicht der Dinge ausführlich geschildert. Noch bevor ich wirklich erklären konnte, wie der Abend aus meiner Perspektive gelaufen war, wurde ich zum Direktor zitiert. Abmahnung! Keine ruhige Klärung. Keine Frage nach dem Ablauf. Keine wirkliche Möglichkeit, meine Sicht darzustellen. Stattdessen hatte ich das Gefühl, vor den Führungskräften plötzlich als kompletter Nichtskönner dazustehen.

Ich verstand die Welt nicht mehr. Mein Glück war damals das Team. Kolleginnen und Kollegen aus der Küche und aus anderen Bereichen des Hotels kamen zu mir. Sie sprachen mir Mut zu, trösteten mich und zeigten mir, dass ihr Bild von mir ein anderes war. Trotzdem blieb etwas hängen. Ein innerer Entschluss: Ich möchte nie wieder in so eine Situation kommen.


Genau dort zeigt sich für mich die zweite Seite des Perfektionismus. Man erhöht seine Ansprüche nicht nur, weil man besser werden möchte. Man erhöht sie manchmal auch, weil man glaubt, sich damit unangreifbar machen zu können. Wenn ich keinen Fehler mache, kann mich niemand bloßstellen. Wenn alles perfekt ist, kann mir niemand etwas vorwerfen. Wenn ich nur gründlich genug arbeite, gerate ich nie wieder in eine solche Situation.

Das klingt zunächst logisch. Es funktioniert nur leider nicht. Perfektion schützt nicht zuverlässig vor Kritik. Menschen haben unterschiedliche Vorstellungen. Fehler passieren. Missverständnisse entstehen. Manchmal wird man sogar dann kritisiert, wenn man sehr gute Arbeit geleistet hat. Wer versucht, sich durch Perfektion unangreifbar zu machen, setzt sich deshalb ein Ziel, das kein Mensch dauerhaft erreichen kann. Man läuft einem Zustand hinterher, in dem niemand mehr etwas auszusetzen hat. Diesen Zustand gibt es nicht.


Als Coach begegne ich diesem Muster immer wieder. Menschen leisten viel, tragen Verantwortung und erreichen Ergebnisse, auf die sie eigentlich stolz sein könnten. Trotzdem sehen sie zuerst das, was noch fehlt. Eine Frage hilft dabei oft mehr als zehn kluge Ratschläge:

Was würdest du einem Kollegen sagen, der genau diese Leistung erbracht hat? Würdest du ihm erklären, dass alles wertlos ist, weil eine Kleinigkeit nicht perfekt war? Oder würdest du sagen: „Das war richtig gut. Aus dem einen Punkt lernen wir.“ Erstaunlicherweise gehen wir mit anderen Menschen oft fairer um als mit uns selbst.

Ich kann einen Fehler gemacht haben, ohne selbst ein Fehler zu sein. Ich kann etwas verbessern wollen, ohne vorher alles schlechtreden zu müssen. Ich kann hohe Ansprüche haben und trotzdem anerkennen, was bereits gelungen ist. Das eine schließt das andere nicht aus. Heute versuche ich deshalb, nach wichtigen Aufgaben oder Projekten drei Dinge voneinander zu trennen:

- Was war gut?

- Was möchte ich beim nächsten Mal anders machen?

- Was darf jetzt einfach auch einmal gut genug sein?

Gerade die letzte Frage kann für Menschen mit einem ausgeprägten inneren Qualitätskontrolleur härter sein als jede praktische Meisterprüfung.

Denn „gut genug“ fühlt sich schnell nach Nachlässigkeit an. Dabei bedeutet es nicht, die eigenen Ansprüche aufzugeben. Es bedeutet nur, der eigenen Leistung nicht ständig den Wert zu entziehen.Perfektionismus kann uns zu hoher Qualität antreiben. Er kann uns aufmerksam, gewissenhaft und ehrgeizig machen. Aber er kann uns auch jeden Erfolg verderben, wenn wir ihm erlauben, die Ziellinie immer weiter nach hinten zu verschieben. Vielleicht besteht die eigentliche Kunst deshalb nicht darin, weniger gut werden zu wollen. Vielleicht besteht sie darin, eine gute Leistung auch einmal als gute Leistung stehen lassen zu können.

Ohne „Ja, aber“.

Ohne sofort die nächste Schwachstelle zu suchen.

Ohne aus jedem Fehler ein Urteil über den eigenen Wert zu machen.

Denn manchmal ist gute Arbeit tatsächlich gut genug. Man muss nur lernen, sie auch zu sehen.


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