Der Mythos vom belastbaren Gastro-Menschen
- bkiffner
- 24. Feb.
- 3 Min. Lesezeit
Die Gastronomie ist ein verdammt schönes Arbeitsumfeld. Die Tische sind schön eingedeckt, die Gäste werden freundlich empfangen, ein „Guten Morgen“ vom Housekeeping auf dem Weg zum Frühstücksbuffet. All das macht den Job besonders. Jeden Tag neue Gesichter, neue Situationen, neue Herausforderungen. Die Abwechslung, das Tempo, die Dynamik, das ist eine der großen Stärken dieser Branche. Und ja, Verantwortung gehört dazu.
Doch neben all den schönen Momenten lauert die andere Seite: lange Schichten, Überstunden, ständiger Druck. Lärm, Stress, Missverständnisse und Müdigkeit gehören genauso dazu. 10, 12, 14 Stunden am Tag sind keine Seltenheit, manchmal Wochen am Stück ohne freien Tag. Und warum? Weil es diesen unausgesprochenen Mythos des „belastbaren Gastro-Menschen“ gibt. Überall wird mehr verlangt, oft ohne Rücksicht auf die eigenen Kräfte oder das Privatleben. Wer flexibel ist, gilt als belastbar! Wer Grenzen zieht, schnell als schwierig und sogar „faul“!
Ich erinnere mich noch gut an Silvester während meiner Zeit als Chef Tournant. Erst Frühstücksdienst, dann ab 14 Uhr Vorbereitung für den Abend, um 19 Uhr Service für ein 7-Gänge-Menü. Feuerwerk, Austern, Gulaschsuppe! Ich war erst um 2:30 Uhr aus der Küche, nur um um 5:30 Uhr wieder für das Frühstück parat zu stehen. Der Tag endete für mich erst gegen 15 Uhr, danach gab es eine kurze Pause und ich fühlte mich wie ein Zombie auf zwei Beinen. Weit weg von einem belastbaren Mythos. Was hat dieses Marathon-Arbeiten mit mir gemacht?
Erstens: Es frisst Energie schneller, als man sie aufladen kann. Zweitens: Es raubt Zeit, die nie wieder zurückkommt. Drittens: Es wird oft ohne Wertschätzung verlangt, und das ständige Mehrarbeiten erhöht das Risiko für Burnout. Dauerbelastung verändert Menschen, Teams und Führungsstile. Man wird dünnhäutiger, schneller gereizt, verliert den Überblick und kann nicht mehr die Spitzenleistung liefern, die man eigentlich bringen möchte.
Der Mythos vom „belastbaren Gastro-Menschen“ existiert einfach nicht – und das ist gut so. Meine Lektion daraus: Ich habe meine Grenzen erkannt und angefangen, sie zu schützen. Verantwortung anderer muss ich nicht auf meine Schultern laden. Manchmal wollen Vorgesetzte oder Kollegen ihre Unsicherheiten auf andere abwälzen, da muss man sich abgrenzen. Verantwortung, die einem nicht zusteht, macht müde, zermürbt und raubt Energie. Gleichzeitig liegt es an der Führung, sowohl an der eigenen als auch an der des Teams, diesen Mythos zu durchbrechen. Niemand sollte gezwungen werden, sein Privatleben aufzugeben, nur um die Illusion eines „starken“ Mitarbeiters aufrechtzuerhalten. Das Arbeitsleben sollte Freude machen und dir noch Energie für dein eigenes Leben lassen. Vor allem aber nicht wie eine Orange ausgequetscht werden, bis nur noch der Biomüll übrig bleibt. Hier setzt mein systemisches Business Coaching an. Nicht um dir fertige Lösungen vorzuschreiben, sondern um dich ein Stück weit in deinem eigenen Kopf und Handeln zu begleiten. Es geht darum zu erkennen: Welche Verantwortung liegt wirklich bei dir und welche wird dir nur aufgeladen, weil andere ihre Unsicherheiten, Fehler oder Erwartungen auf dich abwälzen? Im echten Gastroalltag heißt das: Du lernst, deine Energie clever einzusetzen, erkennst die Momente, in denen du Ja oder Nein sagen musst, und spürst intuitiv, wann es Zeit ist, Grenzen zu ziehen, auch wenn alles brennt und die Erwartungen hoch sind. Du übst, Entscheidungen zu treffen, hinter denen du auch dann noch stehen kannst, wenn es unbequem wird oder es spürbare Konsequenzen gibt. Verantwortung soll Sinn machen – für dich, dein Team und deine Gäste – und nicht dazu führen, dass du irgendwann nur noch auf dem Zahnfleisch gehst. So behältst du den Überblick, schützt deine Energie, kannst deinen Tag steuern und sorgst dafür, dass Motivation, Qualität und Ressourcen auch unter Dauerstress nicht den Bach runtergehen. Genau dort, wo der Mythos vom „belastbaren Gastro-Menschen“ am lautesten trommelt, lernst du, souverän, klar und vor allem gesund zu führen.




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